Sonntag, 03. März 13

Rede vom Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Filder, Steffen Siegel, bei der Trauerfeier zu Liesel Hartenstein's Tod

Fotograf: Günther Bergmann

Fotograf: Parkschützer

Fotograf: Rudel

Fotograf: Rudel

Liesel Hartenstein,

Sie war die Seele und der Motor unserer Filderbewegung.

Als vor 47 Jahren die Idee aufkam, auf den Fildern einen Großflughafen mit

3 Startbahnen zu bauen, sammelten sich Bürger aus allen Schichten, - Bauern und Studenten und Hausfrauen und Professoren und riefen auf zum Widerstand gegen diese Wahnsinnspläne.

An ihrer Spitze eine junge Frau, Liesel Hartenstein.

Mit anderen zusammen gründete sie damals die „Schutzgemeinschaft gegen Großflughafen“ später dann umbenannt in „Schutzgemeinschaft  Filder“. Sie war 25 Jahre lang deren Vorsitzende. Sie kämpfte  gegen die weitere Ausweitung des Flugverkehrs, für ein Nachtflugverbot, gegen immer mehr Landverbrauch und zunehmenden Lärm, und für den Erhalt der Landwirtschaft.

Es war ein buntes Volk interessanter, faszinierender Menschen.

Filbinger war Ministerpräsident, alles in einer Zeit noch vor den Protesten in Wyhl, und heute 47 Jahre später sind wir die älteste noch aktive BI im Umweltbereich.

Die Gruppe wurde geprägt von Liesel Hartenstein und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern, ich nenne nur wenige: Dagmar Halm, Irene Sekler, Jörg Huber, Wilhelm Hertig, Heinz Bauer usw. usw. und nicht zuletzt, immer bescheiden im Hintergrund, der Unterstützer von Liesel und uns,  ihr Mann, der  stille Schaffer Eberhard Hartenstein, ohne den ihr Wirken so nicht denkbar gewesen wäre und ganz nebenbei hat er uns grandiose Grafiken geliefert, die wir heute noch gerne nutzen.

Was haben wir nicht alles mit Liesel Hartenstein erlebt!

Podiumsdiskussionen, Demonstrationen, Kunstprojekte, Pressearbeit, Gespräche und heftige Auseinandersetzungen mit den Planern und Machern in der Spitze der Politik,  unzählige Sitzungen, Gespräche mit Rechtsanwälten, Erörterungsverfahren und Gerichtstermine, aber auch das Verteilen von Flugblättern, Gespräche auf  Wochenmärkten usw. usw. usw.

Es gab bittere Niederlagen, aber eben auch großartige Erfolge, wie z.B. die Verhinderung des Großflughafens in den 60er Jahren, den Erhalt der Bäume auf der Weidacher Höhe, das eingeschränkte Nachtflugverbot oder die Verhinderung einer zweiten Startbahn und vieles mehr.

Liesel war bereits in den 70er und 80er Jahren eine unbequeme, eine unbestechliche Vorkämpferin  in allen Fragen der Ökologie.

Als Abgeordnete der SPD setzte sie sich u.a. ein für Themen wie Klima,  Verkehr,   Energie. So war sie stellvertretende Vorsitzende der Enquete Kommission  „Zum Schutz der Erdatmosphäre“.

Was damals in hervorragender Weise erarbeitet wurde, dringt bruchstückhaft erst heute, Jahrzehnte später  ins Bewusstsein der Allgemeinheit.  Man hätte allen Grund gehabt, verbittert zu resignieren.  Nicht so Liesel Hartenstein.

 Andere Politiker sprachen davon, dass z.B. der Flugverkehr zwar wachsen müsse, aber eben etwas umweltfreundlicher. 

Das genügte ihr nicht.

Bereits in den 80er Jahren formulierte sie so „radikale“ Sätze wie:

„Wir sollten anstreben, dass der Luftverkehr nicht ausgeweitet wird.“ (aus dem Buch „Unheil über unseren Köpfen“).

So etwas hört man nicht mal heute, wo der Klimawandel für alle greifbar ist. Nullwachstum oder gar der Ruf nach Einschränkungen gilt in der Politik bis heute als unerwünscht.

Ihr Blick galt immer den Problemen vor Ort, aber eben auch den größeren Zusammenhängen, der weltweiten Naturzerstörung.     Liesel vereinigte glaubwürdig in ihrer Person die große Politik und den friedlichen Bürgerprotest.

In hohem Alter gab sie bis zuletzt  Ratschläge, insistierte durchaus auch spät abends oder am Wochenende auf ihren Ideen …und … das zu Recht.

Denken wir nur an die letzten Jahre, wo ihre Kräfte bereits langsam schwanden. Ohne sie wäre die Podiumsdiskussion mit dem Bahnmanager Fricke und dem damals noch Berliner Abgeordneten Winne Hermann hier in diesem Raum so nicht zu Stande gekommen,  - ohne sie hätte die Aktion am Tunnelmund beim Fasanenhof  vor einem guten Jahr so nicht stattgefunden usw.

Was waren wir froh, sie zu haben. 

Wann immer sie konnte, kam sie zu uns.  Oft war sie verhindert, durch eine Tagung oder eine Diskussion über das Klima, über Landwirtschaft, über den Wald  oder über die Privatisierung der Bahn  und, und,  und.

Sie brachte sich von Anfang an entscheidend ein beim Thema S 21, versäumte zunächst kaum eine Montagsdemo, war häufig, -auch als Rednerin-, beim Schwabenstreich in Leinfelden , brachte sich sogar noch, bereits von der Krankheit geschwächt sehr kritisch im Filderdialog ein und kämpfte mit Kopf und Herz für unseren Kopfbahnhof auch wenn sie bei ihrer SPD auf gehörigen Widerstand traf.   Dann kämpft sie eben unbestechlich Seite an Seite mit der Gruppe  der SPDler gegen S 21.

Noch im Herbst drängte sie uns, sich dagegen zu wehren, dass die Projektbetreiber das interessante Ergebnis des Filderdialogs im Handstreich umdeuteten. Und so kam wieder hier in diesem Raum die gut besuchte Veranstaltung mit Egon Hopfenzitz und der Schutzgemeinschaft Filder zu Stande.

Es war ihr die letzte Zeit wirklich arg, dass sie es Montags nicht mehr schaffte, zur Demo zu kommen . 

Bei der Montagsdemo vor knapp 2 Wochen trat dort der Verkehrsexperte Prof. Heiner Mohnheim auf und fand spontan sehr bewegende Worte zum Tode Liesel Hartensteins, der an diesem Tage gerade bekannt geworden war.  Er erinnerte daran, dass er mit Liesel , aber auch mit Hermann Scheer, Franz Alt, Peter Conradi, Karl-Dieter Bodack, Winfried Wolf, Gangolf Stocker und vielen mehr, die übrigens alle schon mal bei einer Montagsdemo gesprochen haben, eine wichtige Initiative bildeten, die Initiative: „Bürgerbahn statt Börsenbahn“ . Prof. Mohnheim endete seinen Beitrag mit den Worten:

„Wir alle sind in ihrer Pflicht“.

Liesels unermüdlicher Einsatz gegen technokratischen Größenwahn, gegen die um sich greifende Naturzerstörung und ihr Einsatz für eine bessere Welt wird auch uns von der  Schutzgemeinschaft Filder  Ansporn sein, in ihrem Sinne weiterzumachen.

Wir verneigen uns in dankbarer Erinnerung vor dieser großartigen Frau.

Steffen Siegel, am ersten März 2013

 

Von: Steffen Siegel

 

50 Jahre und kein bisschen leiser!