Schutzgemeinschaft Filder - Mittwoch, 24. Juli 2019
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Schubumkehr statt Wachstumsschub! - Brief an den Verkehrsminister Winfried Hermann

An den Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Flughafen Stuttgart GmbH,

Herrn Minister Winfried Hermann
Flughafen Stuttgart
70629 Stuttgart

 

Betrifft: Schubumkehr statt Wachstumsschub! 

Stuttgart, 20.12.2018

Sehr geehrter Herr Minister Hermann,

 der Flughafen Stuttgart hat in den letzten Wochen Schlagzeilen in den Medien des Landes produziert, deren Anlass wir sehr kritisch sehen:

Zum einen ist der Presse zu entnehmen, dass der Flughafen Stuttgart auch dieses Jahr wieder einen neuen Passagierrekord erreicht hat. Es ist von 11,7 Millionen Passagieren die Rede. Das würde einem Wachstum von gut sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprechen. 

Zum anderen wird für die Zukunft mit einem weiteren Wachstum der Passagierzahlen gerechnet, auch, weil die Fluggesellschaft Laudamotion im Jahr 2019 ihren Flugbetrieb in beträchtlichem Umfang ausweiten will. Laut Stuttgarter Zeitung vom 16.10.2018 will das Tochterunternehmen von Ryanair bis Oktober nächsten Jahres von Stuttgart aus 17 zusätzliche Flugziele anbieten. Das Ticketangebot allein dieser Fluggesellschaft soll dadurch von 200.000 auf etwa 900.000 ausgeweitet werden. Am 12.12.2018 in der Presse zu lesen, dass ein Teil dieser Ausweitung sogar schon auf Ende Februar vorgezogen werden soll. Das lässt das Angebot nochmals um 55.000 Tickets steigen. 

Anhand dieser Zahlen haben wir folgende Überschlagsrechnung angestellt: Geht man von einer durchschnittlichen Auslastung der Flugzeuge von 75% aus, würde allein die Angebotsausweitung von Laudamotion zu über 560.000 zusätzlichen Passagieren im Jahr 2019 führen. Allein dadurch würden die Passagierzahlen am Stuttgarter Flughafen im nächsten Jahr um weitere knapp fünf Prozent steigen.

Dieses Wachstum entspricht offenbar der Strategie der Geschäftsführung des Stuttgarter Flughafens. So wird die Co-Geschäftsführerin Arina Freitag am 05.12.2017 in der Stuttgarter Zeitung mit den Worten zitiert: „Wir müssen ein Wachstumsflughafen sein“.

 

Ein solcher Wachstumsschub beim Fliegen ist aber aus Sicht der unterzeichnenden Umweltverbände mit dem Ziel, die Erderwärmung gemäß dem Pariser Klimavertrag auf ein erträgliches Maß zu begrenzen, nicht vereinbar. Seit langem ist bekannt, dass Fliegen die bei weitem klimaschädlichste Art der Fortbewegung ist. Das Umweltbundesamt gibt den CO2-Äquivalentausstoß bei Flügen pro Passagier mit 201 g/km an (s. u.), während die Bahn im Fernverkehr nur auf 36 g/km pro Fahrgast kommt. Fliegen ist demnach etwa fünfmal so klimaschädlich als die gleiche Strecke mit der Bahn zu fahren. Ein Flug hin und zurück nach Venedig verursacht laut Rechner der gemeinnützigen Organisation Atmosfair in der Economy-Class pro Passagier eine Erderwärmung, die der Wirkung von 170 kg COentspricht, ein Flug nach Kopenhagen 400 kg und ein Flug nach Malaga über 600 kg. Diese drei Städte stehen beispielhaft für die Ziele, die zukünftig mit Laudamotion angeflogen werden können. Nimmt man, grob geschätzt, einen durchschnittlichen CO2-Äquivalente-Ausstoß pro Flugpassagier bei den neuen Laudamotion-Flügen (pro Richtung) von 200 kg an, so dürfte allein die Entscheidung, Laudamotion die zusätzlichen Start- und Landerechte einzuräumen, einen zusätzlichen Beitrag zur Erderwärmung verursachen, der dem Ausstoß von 112.000 t CO2entspricht. 

Diese Zahlen müssen natürlich eingeordnet werden:

Will man gemäß den Pariser Klimazielen die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C begrenzen, um die schlimmsten Klimaschäden zu verhindern, steht pro Mensch ein Budget für seine ganze Lebenszeit von weniger als 100 t CO2und wenig an anderen Treibhausgasen zur Verfügung. In Deutschland stoßen wir pro Mensch jährlichim Durchschnitt 10 t CO2aus. 

Anders als beim Verkehr am Erdboden sehen wir in der Luft auch in fernerer Zukunft keine klimafreundlichen Möglichkeiten des Transports von Menschenmassen.

 

Wir vom Klima- und Umweltbündnis Stuttgart (KUS), vom VCD Verkehrsclub Deutschland Kreisverband Stuttgart, dem BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Kreisverband Stuttgart und der Schutzgemeinschaft Filder bitten Sie deshalb um die Beantwortung folgender Fragen:

 

1.)  Wie verträgt es sich mit den Zielen eines grünen Verkehrsministers und einer von einem grünen Ministerpräsidenten geführten Landesregierung, wie mit den völkerrechtlich verbindlichen Klimazielen von Paris, dass die Geschäftsführung des Stuttgarter Flughafens weiterhin auf Wachstum in den Passagierzahlen beim klimaschädlichen Luftverkehr setzt?

2.)  Wer aus dem Aufsichtsrat hat der Ausweitung von Start- und Landerechten an die Fluggesellschaft Laudamotion zugestimmt? 

3.)  Rechtfertigen die Ausweitung des Flugangebots und die dahinterstehende Wachstumsstrategie des Flughafens und dessen Gewinnstreben den zusätzlichen Beitrag zur Erderwärmung, der allein bei der Ausweitung des Flugangebots durch Laudamotion auf über 100.000 t CO2-Äquivalente pro Jahr geschätzt wird?

4.)  Wurde bei dieser Entscheidung zwischen dem Anspruch unbegrenzter individueller Mobilität und der Gewinnerwartung eines Wirtschaftsbetriebs einerseits und den Menschenrechten auf Leben und Freiheit (Art. 3), Eigentum (Art. 17), Wohlfahrt (Art. 25) gemäß der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN abgewogen? Diese Menschenrechte werden von einem ungebremst voranschreitenden Klimawandel mit immer mehr Extremwetterereignissen, einem drastischen Meeresspiegelanstieg etc. massiv bedroht. Wurde §2.2 des Grundgesetzes beachtet: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“

5.)  Halten Sie klimaneutralen Luftverkehr in absehbarer Zeit in nennenswertem Umfang für möglich? Wenn ja: wie wird das umgesetzt? Wenn nein: Wie wollen Sie die Klimaschutzziele dann erreichen?

6.)  Wie beurteilen Sie die Auswirkung der mit dem Wachstumsschub am Flughafen verbundenen zusätzlichen Emissionen von Lärm, Feinstaub, Ultrafeinstaub, Stickoxiden, etc. auf die Bewohner*innen der angrenzenden Orte? Diese umfassen neben den Wirkungen der Flüge auch die Anfahrten – oft schon am frühen Morgen.

7.)  Der angestrebte „Wachstumsflughafen“ wird in absehbarer Zeit auch baulich an seine Grenzen stoßen. Kann für die Zukunft ein Kapazitätsausbau des Stuttgarter Flughafens, insbesondere eine Erweiterung oder ein Neubau von Start- und Landebahnen, ausgeschlossen werden? Wie sehen Sie das als Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft Stuttgart, wie als grüner Verkehrsminister?

8.)  Sollte der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft Stuttgart nicht deutlich Grenzen des Wachstums bei den Fluggastzahlen und der Anzahl von Starts und Landungen vorgeben, die Passagierzahl zunächst auf dem derzeitigen Stand einfrieren und in den kommenden Jahren einen an den Erfordernissen des Klimaschutzes orientierten Schrumpfungskurs, eine „Schubumkehr“ einleiten?

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Dieter Bareis, Christoph Link, Steffen Siegel, Clarissa Seitz

 

Ansprechpartner: 

 

für das KUS (Klima- und Umweltbündnis Stuttgart): 

Dieter Bareis, Daimlerstr. 56, 70372 Stuttgart 

Tel. 0157 88049317 

E-Mail: weitblick24@gmx.de

 

für den VCD (Verkehrsclub Deutschland) Kreisverband Stuttgart e.V.: 

Christoph Link, Vaihinger Landstraße 50, 70195 Stuttgart, Tel. 0711 - 6993756 

E-Mail: link@vcd-stuttgart.de

 

für die Schutzgemeinschaft Filder e.V.:

Steffen Siegel, Panoramastraße 64, 73765 Neuhausen, Tel. 07158-5850 E-Mail: steffensiegel@schutzgemeinschaft-filder.de

 

für denBUND, Kreisverband Stuttgart: 

Clarissa Seitz, Clarissa.Seitz@stuttgart.de

 

 

 

 

Links: 

www.kus-stuttgart.de 

www.atmosfair.de 

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.fluggaeste-in-stuttgart-flughafen-vermeldet-neuen-rekord.dd15fd5b-69e0-4a88-aa5a-3e0f1c7c640f.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ausbau-am-flughafen-stuttgart-laudamotion-kuendigt-17-neue-flugziele-im-sommer-2019-an.19190ec4-acb8-42d2-a151-3a43a0d03281.html

https://www.aero.de/news-30195/Laudamotion-baut-auch-Stuttgart-aus.html  https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/emissionsdaten#verkehrsmittelvergleich_personenverkehr

 

 

Von: Steffen Siegel