Mittwoch, 15. September 04

Stuttgarter Zeitung: "Am Boden ballen sich die F�uste"


Quelle: Stuttgarter Zeitung, 15.09.04

 

Die Messe und der Protest
 
LEINFELDEN-ECHTERDINGEN. Sie haben aufrecht gek�mpft, viele Jahre lang. Gestern versammelten sich die Gegner der Fildermesse vor dem offiziellen Spatenstich zu ihrer letzten gro�en Protestkundgebung. Ihr Widerstand ist zwecklos geworden. Was bleibt, sind Wunden.

Von Michael Ohnewald

Der Geist des Aufbruchs tanzt im Wind �ber den abger�umten Feldern. Er zeigt sich in Gestalt bunter Ballons, die an langen Seilen h�ngen. Die gelben Ballons markieren den k�nftigen Haupteingang der neuen Ausstellungswelt. Blau steht f�rs Dach der Messepiazza und Gr�n f�r das riesige Parkhaus, das sich �ber die Autobahn erstrecken wird.

Nur einen Steinwurf entfernt haben sich die Messegegner um ihre kleine H�tte postiert. “Villa Filderschutz”, steht an der Wand. Der Schwarzbau steht auf einer Wiese, welche der Messe geh�rt, und deshalb in den n�chsten Tagen auf Kosten der Bauherren an einen ruhigeren Ort umgesetzt wird. Es geht dem Ende zu. Knapp 200 Menschen haben sich zur abschlie�enden Demonstration gegen die Messe versammelt. Wenn sie an diesem Morgen ihre Befindlichkeit mit einem Ballon zur Schau stellen m�ssten, w�re er vermutlich rot, zornesrot. Denn �ber den K�pfen der Protestgemeinde kreist eine Antonow AN 20, ein lauter Doppeldecker, den die Projektgesellschaft Neue Messe f�r Rundfl�ge angemietet hat. Die Widerst�ndler am Boden ballen die F�uste. Sie fluchen �ber die Arroganz der Macht. Was sie dem Flugzeug entgegenschreien, ist nicht zitabel.

 

Das gilt auch f�r manches sonst, was die offiziellen Redner anschlie�end bei der Kundgebung vor der Villa Filderschutz von sich geben. Die Wunden sind bei einigen besonders tief. Selbst ein namhafter Historiker wie Gerhard Raff l�sst sich von seinen Emotionen hinrei�en. “Wir werden regiert von einer Horde von Erpressern”, sagt Raff. Er fordert die umstehenden Polizeikr�fte auf, die Strategen in der Landesregierung zu verhaften, und k�ndigt an, dass er seine Vortr�ge in Zukunft mit den Worten beginnen werde: “Liebe Mitb�rger des Schurkenstaates Baden-W�rttemberg”. Andere gehen noch weiter. Sie reden von Faschismus, vom ausgeh�hlten Rechtsstaat und von befangenen Richtern.

Es ist das unw�rdige Ende eines aufrichtigen Kampfes, der �ber weite Strecken mit Argumenten gef�hrt worden ist. Selbst einigen Landwirten scheint der Protest �berzogen. “Das geht eindeutig zu weit”, bekennt einer der Bauern. �ber Jahre hinweg hatten sie sich mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen die Messe gestemmt, hatten 21 000 Einwendungen gesammelt, teuere Gutachten pr�sentiert und sich teilweise erfolgreich gegen Verfahrensfehler zur Wehr gesetzt.

Aber da ist auch noch eine andere Seite. Die Bauern wissen um diese Seite, und einer von ihnen spricht es offen aus: “Nicht nur ein Richter hat sich mit der Fildermesse befasst.” Insgesamt zehn Urteile sind ergangen. Und alle haben die Messegegner verloren. Auch sonst l�sst sich die Trennlinie zwischen Gut und B�se, zwischen Opfer und T�ter nicht immer so leicht ziehen. Keiner hat den Frontmann der klagenden Bauern gezwungen, hinter dem R�cken seiner Mitstreiter zu verhandeln und seine �cker f�r gutes Geld zu verkaufen. Walter St�bler hat es aus freien St�cken getan. Dieses Gesch�ft hat den Widerstand entscheidend geschw�cht.

Pl�tzlich hatten die Messeplaner das n�tige Land f�r die �brigen Landwirte, die sich nicht mehr auf eine Existenzgef�hrdung berufen konnten. Am Ende haben auch sie ihre n�hrstoffreichen Felder verkauft. Zwei von ihnen wollten hart bleiben und das umstrittene Landesmessegesetz vom Bundesverfassungsgericht pr�fen lassen. Aber das Land stellte entweder allen Bauern den schon verloren geglaubten H�chstpreis f�r ihr Land in Aussicht, oder keinem. Erpressung sei das gewesen, schimpfen die Messegegner. Wenn man vom eigenen Standpunkt �berzeugt ist, kann man sich auch dagegen wehren. Aber sie haben es nicht getan, sondern kollektiv verkauft. “Da ist manche Tr�ne geflossen”, sagt der Echterdinger Landwirt Fritz Auch-Schwarz. “Aber man kann niemand zumuten, dass er Millionen aufs Spiel setzt.”

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es in absehbarer Zeit ruhiger werden wird im Lager der Messegegner. Auch f�r Gabi Visintin, die streitbare Vorsitzende der 300 Mitglieder z�hlenden Schutzgemeinschaft Filder. Sie hat �ber zehn Jahre lang ehrenamtlich gegen ein Projekt gek�mpft, welches sich nicht mehr verhindern l�sst. Das verdient Respekt, denn der Protest ist nicht vergebens gewesen. Keiner der Landwirte muss seinen Betrieb aufgeben, alle haben den Spitzenpreis bekommen. Es wird ein Konzept vorbereitet, das langfristig die Existenz der Landwirtschaft auf den Fildern sichern soll. Dar�ber hinaus bleibt den Messegegnern noch ein Strohhalm: Der Bund f�r Umwelt- und Naturschutz Deutschland klagt, munitioniert mit neuen Gutachten, weiter gegen die Messe, au�erdem k�nnen sich einzelne Grundst�cksbesitzer auf den Weg durch die Instanzen machen. Verhindern werden sie den Messebau aber wohl nicht mehr.

Vielmehr drohen weitere Heimsuchungen. Der Flughafen w�chst, und �ber Stuttgart 21, den Tiefbahnhof und die ICE-Strecke nach Ulm wird in den n�chsten Monaten entschieden. F�r Boris Palmer, der Stuttgarter OB-Kandidat von den Gr�nen, der gestern ebenfalls bei der Kundgebung aufgetreten ist, gilt es dieses Projekt zu verhindern. “Stuttgart 21 darf nicht auch noch die Konsequenz der Messe sein”, sagt er. Die Schutzgemeinschaft Filder ist weiterhin gefordert.


 

50 Jahre und kein bisschen leiser!