Samstag, 20. Oktober 12

Schutzgemeinschaft Filder geißelt Ausbauforderung der Messe

Die Schutzgemeinschaft Filder kann es nicht fassen: Erst vor kurzem rügte der Landesrechnungshof die Messeplaner und Verantwortlichen der Fildermesse. Seine zentrale Aussage: Ein Ausbau der Messe ist auf keinen Fall notwendig. Auch das wirtschaftliche Umfeld zeigt sich nicht mehr stabil, aber die beiden Messechefs können es nicht lassen: Ulrich Kromer und Roland Bleinroth wollen „jetzt über einen Messeausbau sprechen“ – selbstfinanziert und auf eigenen Flächen, wie sie sagen. Doch dieses Land wurde den Bauern vor mehr als zehn Jahren per  Enteignungsdrohung abgerungen und mit Steuergeldern bezahlt.  Die SG Filder fordert, mit der Schönfärberei aufzuhören. In ihren Augen braucht die Messe, die am Freitag ihr 5-jähriges Bestehen feiert, keine neue Halle, sondern ein neues Management.

 

Als vor zwei Jahren die SG Filder aufzeigte, dass bei einem Vergleich der Messedaten aus dem Jahr 1996 (Killesberg: 1,6 Mio. Besucher) mit den veröffentlichten Zahlen der Fildermesse (2010: 1,1 Mio. Besucher) die doppelt so großen Fildermesse schlechter abschneidet als früher, ließ sich Messechef Kromer hinreißen und bezweifelte die Zahlen seines Vorgängers (siehe StZ vom Januar 2011: www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neue-messe-streit-um-die-besucherzahlen.bbadf2c7-83da-4c25-88db-0ffc01839804.html). Kurze Zeit später schlüsselte die Messe auf, wie sich die Zahlen auf dem Killesberg zusammensetzten und wie die heutigen. Auch wenn sich beide Zahlenwerke nicht exakt vergleichen lassen, sind laut Schutzgemeinschaft heute keine Jubel-Arien angebracht. Die SG Filder führt als Kritikpunkte auf:

-       Der Vorgänger von Ulrich Kromer hat ausdrücklich betont, dass die Zahlen im Gutachten, das die IHK 1997 in Auftrag gegeben hatte (Prognos, „Regional-wirtschaftliche Wirkungen der Messe Stuttgart“), sich ausdrücklich auf die Messe bezogen: „die 1,65 Millionen Besucher aus dem Jahr 1996 seien tatsächlich durch die Pforten der Messehallen auf dem Killesberg gegangen“. Diese Zahlen gaben – wohlgemerkt – den Ausschlag dafür, dass auf den Fildern eine doppelt so große Messe gebaut wurde.  „Wenn der Messebau, der gegen die Grundbesitzer, Bauern, Stadträte und Bürger mit brachialer Gewalt durchgesetzt wurde, mit falschen Zahlen begründet wurde, bleibt das ein Skandal erster Güte“, kritisiert Gabi Visintin, heutige Pressesprecherin und während der Messeauseinandersetzung Vorsitzende der SG Filder. 

-       Die neue Großmesse auf den Fildern registrierte in den vergangenen Jahren jeweils  ca.1,1 Millionen Besucher. Das ist ein Drittel weniger als vor 16 Jahren auf dem Killesberg. Das ist auch ein Hinweis darauf, dass Fachleute wie Prof. Robert von Weizäcker, der an der Technischen Universität München den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre innehat, Recht hat. Er sprach bereits im Jahr 2007, anlässlich der Eröffnung der Messe, von einem bundesweiten Messeüberangebot: Rund ein Drittel der damals 2,7 Mio. Quadratmeter Messefläche in Deutschland seien Überkapazitäten http://www.vwl.wi.tum.de/praxis/wettlauf-um-subventionen.pdf . Er kritisierte auch die hohe Subventionierung, die durch das Konkurrenzdenken zwischen den Bundesländern in den Messeausbau gepumpt werden.

-       Die Anzahl der Messen auf der neuen Messe (Veranstaltungen) ist nahezu gleich geblieben (1996: 52 heute 55). Die SG Filder verweist in diesem Kontext darauf, dass die Messe Stuttgart, nicht aus eigener Kraft, also organisch,  gewachsen ist, sondern auf Kosten des Sinsheimer Messestandorts, der seitdem Messeneubau darnieder liegt. Die Messe Stuttgart hatte beim Umzug auf die Filder dem Messeunternehmen Schall mindestens 5 internationale Messen abgekauft.

-       Die Umsätze wurden nur leicht erhöht – bei doppelt so viel Fläche!

-       Der Personalstand ist nahezu gleich geblieben (knapp unter 300).

-       Die Messebetreiber sind begeistert über den heutigen Umschlagfaktor von ca. 13.

-       1996 auf dem Killesberg lag er bei 19 (!)

-       Die Projektgesellschaft Neue Messe GmbH, die Planung und Bau verantwortet,  weist ein Defizit auf, das in der Bilanz der Messegesellschaft (Kromer und Bleinroth) nicht auftaucht. Die Wirtschaft weigert sich immer noch, die vereinbarten 40 Millionen Euro zu den Messekosten bei zu steuern. (Die Firma Bosch hat für eine Großwerbung am Parkhaus zwar viel Geld bezahlt, aber das hat  mit dem versprochenen Geld aus der  Wirtschaft nichts zu tun.)

 

Zu den Beteuerungen der Messechefs, dass die Erweiterung im eigenen Gelände und aus dem eigenen Säckel bezahlt werden, bemerkt Steffen Siegel, Vorsitzender der SG Filder: „Jetzt tritt das ein, was wir bereits während der Planfeststellung anprangerten: Die Messe hat von Anfang an enorm viel Freifläche ausgewiesen  – angeblich für Caravan-Messen oder ähnliches – um später die Flächen zubauen zu können.“

 

Die SG Filder fordert, dass endlich Schluss ist mit Salamitaktik und Schönfärberei. Das Management solle nicht Märchen  erzählen, sondern wie es schwäbische Mittelständler auszeichnet, auf dem Boden der Tatsachen bleiben und transparent und sparsam wirtschaften Gabi Visintin: „Überall im Lande wird von Effizienz gesprochen und die Messe Stuttgart macht nicht mal den Versuch, die wenigen Auslastungsspitzen auf der Messe, mit effizienteren Ausstellungskonzepten abzufangen, sondern schreit sofort nach mehr Hallen.“ Angesichts des deutschlandweiten Überangebots an Messeflächen – ein volkswirtschaftliches Desaster, das auf der spezifisch deutschen Subventionierung beruht – darf eine solche Maßlosigkeit nicht unterstützt werden. Steffen Siegel fasst die Kernproblematik der Fildermesse zusammen: „Wenn die Stuttgarter Messe wie ein normales Unternehmen, die neuen Ausstellungshallen selbst hätte bezahlen müssen, müsste sie immer noch ihre Schulden abbezahlen.“

 

Die SG Filder erinnert zum 5-jährigen Bestehen der Messe an die Hauptkritikpunkte des Rechnungshofs Baden-Württemberg ("Landesmesse Stuttgart - Finanzierung und Projektdurchführung , (Beitrag Nr.17)", Juli 2012), die so lauten:

-       Die Gesamtkosten liegen wesentlich höher als die genannten 806 Millionen Euro. Steffen Siegel: „Nimmt man alle kaschierten Kosten und Belastungen zusammen, kommt man auf mehr als 50 Millionen zusätzlichen Kosten für die Fildermesse. Diese Last tragen die Kommunen und die Steuerzahler – viele Jahre lang.“

-       Der Rechnungshof rügt, dass geplante Versprechen nicht ausgeführt wurden, wie z.B. eine begrünte Insel oder 250 Bäume.

-       die Parkierungsanlagen sind überdimensioniert. Die Auslastung der Tiefgarage liegt auch während großer Publikumsmessen unter 10 Prozent, sagt der Rechnungshof.

-       Der Rechnungshof  verneint das Ansinnen der Messegesellschaft, sich auszuweiten mit den Worten:  "Es besteht kein Anlass, bauliche Erweiterungen der Messe zu erwägen".

-       Und schließlich empfiehlt der Rechnungshof dem Land, es solle in Zukunft "intensiv prüfen, ob eine Beteiligung (an solchen Projekten) im Interesse des Landes ist".

 

 

 

Von: Gabi Visintin

 

50 Jahre und kein bisschen leiser!