Sonntag, 18. Juni 06

Rede von Steffen Siegel am Aktionstag 18.6.06 in Bernhausen

Liebe Filderfreunde,
wir stehen hier auf dem Besten, was diese Erde zu bieten hat, auf Filderboden.
Ich habe als kleiner Bub erlebt, wie in der Nachkriegszeit die ausgehungerten St�dter kamen, um auf den abgeernteten Feldern vielleicht noch ein paar Kartoffeln zu finden.
Jetzt, wo wir Nahrung aus der ganzen Welt einfliegen, setzen einige Herren alles daran diesen einzigartigen Gem�segarten Stuttgarts zu zerst�ren, - auf alle Ewigkeit zu zerst�ren!

 

Was geschah bisher?
Vor gerade mal 10 Jahren wurde nach erbittertem Widerstand die um 1380 m verl�ngerte Startbahn eingeweiht und es wurden 220 Hektar plattgemacht (das sind �ber 400 Fu�ballfelder). Wir hatten zwar viel Schlimmeres verhindert, aber gegen das Argument, die Flugsicherheit verlange einen Ausbau, waren wir letztendlich machtlos. Die Gerichte folgten diesem Argument. Der damalige Flughafenchef Klaus Wedekind gestand erst bei seinem Abschied ein, dass das Sicherheitsargument vorgeschoben war und es in Wirklichkeit nur um den wirtschaftlichen Erfolg des Flughafens gegangen sei.
Die Bev�lkerung und die Gerichte wurden Jahrzehnte lang an der Nase herum gef�hrt.

 

Daran hat sich bis heute nichts ge�ndert, auch wenn der jetzige Flughafenchef Georg Fundel vor 4 Wochen (12.5.06) in der Filderzeitung sagte : “Wir spielen seit ich hier bin mit offenen Karten” und er wolle den Kurs eines offenen Dialogs fortsetzen (16.5.06).

 

Na ja, nehmen wir das Beispiel  Messe: klar war, sie f�hrt mindestens bei Messeer�ffnungstagen zu einem Verkehrskollaps. Flughafenverkehr und Messeverkehr werden sich gegenseitig strangulieren. Und das wird bei einem weiteren Flughafenausbau noch viel dramatischer. Herr Fundel, der einen gut dotierten Beratervertrag bei der Messeplanung innehatte, sah die Gefahr sehr wohl, aber hielt damit hinter dem Berg. 
Wo war er, als diese Frage im Er�rterungsverfahren anstand?   Auf jeden Fall nicht an unserer Seite.  Er ging erst an die �ffentlichkeit, d.h. er spielte erst dann “mit offenen Karten” als es zu sp�t war, als die Messe im Bau war.

 

Beispiel Luftfrachtzentrum: Im Jahr 2000 erstellte der Flughafen ein gigantisches Luftfrachtzentrum im S�den der Startbahn. Die Menge der mit dem Flugzeug transportierten Fracht hat sich seither nicht vergr��ert, (SZ 21.6.2000 und EZ19.12.05).  Das Frachtzentrum ist f�r ein Mehrfaches gedacht und damit heillos �berdimensioniert.         (vgl B�rgerverein Bernhausen Nord-West)
Der gr��te Teil der Fracht, etwa drei bis viermal soviel wie mit dem Flugzeug verl�sst das Frachtzentrum mit dem LKW �ber die Stra�en.
W�hrend der Planung des Zentrums wurde aus Paketverladefl�che pl�tzlich B�rofl�che und man plante noch mehr Parkfl�che.  
Heute steht ein geh�riger Teil des Zentrums leer. Wir hatten damals schon den Verdacht, hier h�lt sich jemand eine Option offen,  um sich einmal z.B. Abfertigungsm�glichkeiten f�r eine zweite Startbahn bereit zu halten.
Diesen Gedanken bezeichnete der Flughafen damals w�rtlich als “abstrus”.
Mal sehen, wann man hier mit offenen Karten spielt.

 

Beispiel Westerweiterung:
Der Flughafen plant im Westen, Richtung Echterdingen einem der letzten Frischluftgr�nz�ge eine Erweiterung um ca 30Hektar (60 Fu�ballfelder).
Angeblich f�r Abstellpl�tze f�r D�senjets, ohne die in den Randstunden nicht so effektiv geflogen werden k�nne. Herr Fundel warb in  den Kommunen und bei Gemeinder�ten f�r dieses Vorhaben. Offensichtlich so gut, dass viele einer Westerweiterung wohlwollend gegen�ber standen.
Wir haben schon vor �ber einem Jahr �ffentlich nachgewiesen , dass hier viel mehr Stellpl�tze geplant werden als unser Flughafen je brauchen wird, es sei denn er wolle seine Startbahn ausweiten.  Dies verschwieg er nat�rlich den Gemeinden und meinte, wir l�gen falsch mit unserer “Verd�chtigung”.

 

Und damit sind wir bei der Zweiten Startbahn:
Erst vor kurzem ging Fundel in die Offensive.
Stgt Zeitung 6.5.06: “Die Westerweiterung ohne zweite Startbahn w�re nicht logisch”. Er spielte also jahrelang ein falsches Spiel und nennt dies auch noch  Spiel mit offenen Karten?
Er behauptet, die Koalitionsverhandlungen, wo eine Vorfelderweiterung wohlwollend betrachtet wird - mehr nicht-,  bedeute gr�nes Licht f�r eine zweite Startbahn.  Den Auftrag, dies zu untersuchen hat er allerdings schon Ende 2005, also lange vor der Landtagswahl erteilt.    Spiel mit offenen Karten?

 

Wann endlich pfeift ihn das Land, es ist schlie�lich Hauptgesellschafter beim Flughafen oder der mit Politikern besetzte Aufsichtsrat zur�ck?
Wer hat hier eigentlich das Sagen?

 

Es ist immer das alte Spiel - erst baut man eine l�ngere Bahn, dann braucht man nat�rlich mehr Abfertigungsgeb�ude, Parkpl�tze usw, allerdings baut man diese viel gr��er als n�tig und hat dann wieder soviel Kapazit�t, dass man eine zweite Startbahn braucht    usw usw  (Ausbauspirale!!).

 

Herr Fundel behauptet, die zweite Startbahn am “Filderairport entscheidet �ber den Wirtschaftsstandort Baden-W�rttemberg”. Bei gerade mal 15 bis 40 %  (Originalton  Fundel) Gesch�ftsreisenden in Stuttgart ist dies abenteuerlich. Die heimische Wirtschaft kommt mit dem jetzigen Zustand hervorragend klar.
Bei einer Studie der Wirtschaftspr�fungsgesellschaft Ernst& Young �ber wirtschaftliche Rahmenbedingungen belegt Stuttgart bei den deutschen Gro�st�dten in vielen Punkten den ersten Rang  (SN 29.5.06). �ber eine Standortverlegung denken Stuttgarter Firmen mit Abstand am wenigsten in ganz Deutschland nach!!

 

Die Zuwachsraten in Stuttgart kommen durch das Winterdrehkreuz (Stuttgart entwickelt sich zu einem Umsteigeort) aber im wesentlichen durch die Billigflieger zustande, die der Flughafen k�nstlich mit aller Macht herholt.
Nur 20% der Billigflugpassagiere stammen �brigens aus der Region
(SN  11.5.06)) also ist es nicht mal das Befriedigen eines hiesigen Bedarfs.        
Es ist umgedreht: Es schadet der heimischen Wirtschaft und insbesondere dem Einzelh�ndler in den Innenst�dten, wenn subventionierte Billigflieger zum Shoppen au�er Landes einladen. Neben diesem Kaufkraftexport  leidet auch der innerdeutsche Tourismus unter dieser neuen Entwicklung.
Der einzige, der davon profitiert ist der Flughafen.
Das Dramatischste an diesem neuen Billigflugboom ist aber, dass sich das Flugzeug zum gr��ten Klimakiller entwickelt. Abgase in diesen sensiblen H�hen wirken um ein Mehrfaches st�rker auf das Klima als zB Autoabgase hier unten.
Und noch etwas:
Reizt man die jetzige Kapazit�t der vorhandenen Startbahn aus und baut dann noch eine zweite dazu, dann werden sich die Passagierzahlen weit mehr als verdoppeln!  (Jetzt haben wir 9Mio, dann �ber 20Mio!!).
Eine zweite Startbahn hei�t also, mindestens ein Verdoppeln der L�rmereignisse und damit ein Verdoppeln der Abgase, ja sogar noch viel mehr, denn auch der Autozubringerverkehr verdoppelt sich, den Messeverkehr noch gar nicht mit-gerechnet. 
Der L�rm nimmt nicht nur deutlich zu, er wird auch durch die Parallelstartbahn ein viel breiteres Gebiet beschallen !
Wenn wir eine zweite Startbahn, so wie Fundel sie favorisiert zwischen Bernhausen und Neuhausen legen und dabei eventuell die Autobahn verlegen m�ssen (SN 18.5.06), dann gnade uns Gott. Von Holzgerlingen �ber die Filder bis Altbach werden Wohnungen wertlos, Kinderg�rten k�nnen ihre Fenster nicht mehr �ffnen, Naherholung wird zunehmend unm�glich�.
Milliardenbetr�ge f�r Messe und Flughafen fehlen unserer Gesellschaft f�r Sinnvolleres und m�ssen einmal von unseren Kindern aufgebracht werden.
Nicht nur deren Gesundheit steht auf dem Spiel, auch deren politischer und gestalterischer Spielraum. Die eigentlichen Verursacher kann man dann nicht mehr zur Rechenschaft ziehen, sie sind dann l�ngst nicht mehr an der Macht. Wahrscheinlich sind sie mit einem Verdienstkreuz verabschiedet worden.
Wir Schwaben sind weltweit f�hrend im Export, trotz einer kleinen aber funktionierenden Killesbergmesse, trotz eines funktionierenden Flughafens mit nur einer Startbahn,    -  oder vielleicht gerade deshalb ?

 

Die bescheidenere Art der Schwaben entspricht den T�ftlern und Entwicklern, aber auch den Dichtern und Denkern, den Handwerkern und Bauern, den Streuobstwiesen und dem Filderkraut aber eben auch einer kleinen aber feinen landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim usw usw.     
Dies alles hat uns weltweit Ansehen eingebracht.

 

Jetzt hecheln die Macher einem Einheitsbrei von noch mehr Beton und L�rm, - mit Coca Cola, Leuchtreklame und McDonald hinterher, es wird Geld verschwendet, das man nicht hat, man schwafelt von Synergie und Globalisierung und gef�llt sich in Gro�mannsucht und Wachstumswahn.
Schw�bische Tugenden hat man l�ngst �ber Bord geworfen.

 

Hier bei uns geht es nicht nur um tiefes, gesundes  Durchatmen und tiefen Schlaf, hier geht es um unsere Identit�t.
Besinnen wir uns auf unsere schw�bischen Tugenden, auch was den Widerstand gegen Gr��enwahn angeht.
Wir auf den Fildern mussten die letzten Jahrzehnte viel Unvern�nftiges und Ungerechtes einstecken und viele rechnen mit unserer Resignation.
Aber da t�uschen diese sich gewaltig !
Kommen Sie zu uns, machen Sie mit bei der Schutzgemeinschaft Filder,
wir sind wirklich unabh�ngig, wir spielen mit offenen Karten, wir suchen den offenen Dialog, wir werden mit unseren bescheidenen Mitteln ohne Steuergelder , aber unserer gro�en Sachkunde, mit viel Energie und mit Ihrer Hilfe diesen Moloch Flughafen in seine Schranken weisen, zum Wohle aller.

 

Geben wir unsere Kindern eine Chance !

 

 

Von: Steffen Siegel

 

50 Jahre und kein bisschen leiser!