Sonntag, 18. September 11

Rede anlässlich der Montags-Demo am 12.9.2011 von Frank Distel: S 21 ganzheitlich abgewogen? Ganz sicher nicht!

Liebe engagierte Stuttgarter, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter für den richtigen Bahnhof, liebe Freunde,

die Befürworter von Stuttgart 21 wiegeln immer ab, sie könnten es nicht mehr hören. Alles sei abgewogen; jetzt müsse endlich gebaut werden. Nein! Den richtigen Argumenten unserer Seite wurde nie seriöse Beachtung gewidmet. Die Projektträger, leider auch die Führung meiner Partei, der SPD, handeln nach dem Ignoranzprinzip „Augen zu und durch“. Gerade von der SPD hätte ich mehr Klugheit erwartet, stellt sie doch den Finanzminister, der die heute völlig nach oben offene Kostendynamik dieses Milliardenprojekts mit zu verantworten hat! Man erzwingt hier, was in vielen anderen Städten längst aus guten Gründen verworfen wurde.
Sind denn die Verantwortlichen andernorts klüger – oder sind die Schwaben dümmer? Beides kann doch nicht sein!

Liebe Oben-Bleiber! Man muss die Dinge ganzheitlich betrachten, um zu erkennen, welcher Unfug hier gebaut werden soll. Ganzheitliche Sicht interessiert die Befürworter jedoch nicht; sie müssten ja sonst umdenken! Noch mal zusammengefasst alle unbestreitbaren Fakten:

Man zwingt uns hier einen unterdimensionierten Tiefbahnhof auf, der mit seinen schmalen und unzulässig in Längsrichtung geneigten Bahnsteigen viel zu eng und gefährlich für die Bahnreisenden ist. Zudem ist klar geworden, dass der „Stresstest“ nur mit unrealistisch kurzen Haltezeiten und störanfälliger Doppelbelegung der Bahnsteige auf das gewünschte Ergebnis „hingerechnet“ wurde. Ein integrierter Taktfahrplan geht mit diesem Bahnhof gar nicht! Ferner werden durch dieses Milliardengrab auf mehr als ein Jahrzehnt Investitionsmittel blockiert, die an anderer Stelle im Eisenbahnnetz – auch in Baden-Württemberg – viel dringender benötigt würden und die jetzt von einem fast hilflos agierenden Bundesverkehrsministerium gestrichen wurden.

Wehren wir uns auch gegen diesen unsäglichen Murks des Mischbetriebs auf den Fildern!
 Wer hierzu das Gutachten der SMA richtig liest, der spürt förmlich das vernichtende Zeugnis, das die Züricher dem Stresstest in Wahrheit ausgestellt haben. Der Mischverkehr auf den Fildern ist störanfällig und für den S-Bahn-Betrieb bestehen insgesamt erhebliche Risiken. Ich frage mich, verstehen die Befürworter das nicht oder wollen sie es nicht verstehen - weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Nur wenige Textstellen, geschickt versteckt in 200 Gutachterseiten, entlarven S 21 als unzureichend für den Bahnverkehr der Zukunft! Weit entfernt von „befriedigend“! In Wahrheit ist das für die Bahn positive Fazit der SMA eine gut getarnte Gefälligkeitsadresse.

Selbst wenn das Attribut „befriedigend“ zuträfe; aus welchem Grund sollten hier Milliarden vergeudet werden für eine mit viel Wohlwollen gerade mal „befriedigende“ aber störanfällige Station, wo wir heute schon über einen der besten Bahnhöfe Deutschlands verfügen, der für einen Bruchteil der Kosten saniert werden könnte?
Der geplante Tiefbahnhof ist dagegen wie das teure neue Haus eines Konzertpianisten, der beim Einzug feststellt, dass sein Flügel nicht ins Wohnzimmer passt.
Sind die Verantwortlichen von allen guten Geistern verlassen – oder mal anders gefragt, welche Interessen erfordern hier eigentlich, dass es kein Zurück mehr geben DARF?
Der Ursprung von Stuttgart 21, die Erweiterung der Innenstadt, die ich hier im Blick habe, lässt aus rein städtebaulicher Sicht nämlich ebenfalls viele Fragezeichen offen:
1.    Neues Einkaufszentrum? Geeignet um die gute alte Königstraße weiter kaputt zu konkurrieren.
2.    Neue Büroflächen? Wir haben schon genug Leerstände in Stuttgart angesichts gebremster Konjunktur in erneut heraufziehender Finanzkrise!
3.    Luxuswohnungen im Bahnhofsviertel? Vernünftige Menschen investieren für 7.000.- €/qm Wohnfläche in Halbhöhenlage oder am Killesberg und nicht hinter dem Bahnhof!
Zudem braucht diese Stadt dringender bezahlbaren Wohnraum für Familien, als teure Wohnungen in hochverdichtetem, stadtklimatisch bedenklichem Umfeld!
4.    Was soll eine Innenstadterweiterung, die vom heutigen Zentrum durch den breiten Querriegel des Bonatzbaus optisch und damit auch tatsächlich abgetrennt ist?

An dieser Stelle noch ein paar Sätze zur Neubaustrecke (NBS) nach Ulm. Liebe Freunde, es genügt schon ein simpler Zahlenvergleich, um diese Planung ad absurdum zu führen: die heutige Geislinger Steige hat auf 4 km Länge eine Steigung von ca. 23 Promille; die Neubaustrecke hat auf sage und schreibe 14 km Länge eine Steigung von im Mittel 33 Promille, also 10 Promille mehr auf 3,5-fache Länge. Ein milliardenteurer Unfug zur Abwehr von Güterzügen und zur Vernichtung wertvoller Energie ist das! Hier wird niemals ein Güterzug fahren, das wäre für die Spediteure viel zu teuer. Folglich machte sich das Bundesverkehrsministerium der Untreue schuldig, weil es in der Kosten-Nutzen-Rechnung pro Tag 21 Güterzüge berücksichtigt hat! Ohne diese Güterzüge liegt der Quotient zwischen Nutzen und Kosten unter dem Wert 1 und die Neubaustrecke darf gar nicht gebaut werden! Von was für Leuten, die derart schamlos manipulieren, werden wir hier eigentlich regiert?

Man muss sich auch die Frage stellen, warum der sog. „Geißler-Kompromiss“ so reflexartig abgelehnt wird. Um Missverständnisse zu vermeiden, ich bin für den Kopfbahnhof und den Ausbau der Bestandsstrecke nach Ulm. Komplettpreis max. 2,5 Mrd. gegenüber womöglich 10 Mrd. für Stuttgart 21 und die NBS. Aber, liebe Freunde, Geißler zeigt immerhin endlich einen Weg aus dem jahrelangen Konflikt auf. Viele Argumente sprächen dafür:

1.    Der kleinere 4-gleisige Tiefbahnhof könnte mit breiteren und daher sichereren Bahnsteigen gebaut werden.
2.    Der durchlaufende Bahnverkehr könnte elegant vom hier startenden bzw. endenden getrennt werden. Die Fahrgastströme wären entflochten; gefährliches Gedränge auf zu engen Bahnsteigen vermieden.
3.    Der vom Land, auch von der SPD, immer wieder zu Recht geforderte Taktfahrplan wäre problemlos realisierbar;
4.    Selbst wenn die Kosten bei halb so langen Tunnelstrecken einschließlich Umbau oben nicht deutlich niedriger wären, so bestünde wegen des einfacheren Baus doch ein
weitaus geringeres Kostensteigerungsrisiko! Zeitverluste durch Umplanungen würden zum Teil kompensiert durch einen zügigeren Bauablauf.
5.    Die Änderungsverfahren wären zeitnah möglich. Hier von 10 Jahren Verzögerung zu reden ist schlicht und ergreifend unseriös!
6.    Die Gäubahn könnte in ihrer heutigen Funktion erhalten bleiben, womit der Murks auf den Fildern obsolet wäre. Hier entstünde wegen des viel einfacheren
Planfeststellungsabschnitts 1.3 sogar ein Zeitgewinn!
7.    Das Gesamtsystem funktioniert reibungsloser und störfallresistenter; künftige Erweiterun-gen wären kostengünstiger.

Dieser Vielzahl von Argumenten steht allenfalls der „Nachteil“ der kleineren Fläche für die unsinnige Innenstadterweiterung gegenüber. Die Immobilienwirtschaft hätte weniger Gewinn – na und? Dafür hätten wir alle einen weitaus besseren Bahnhof und darum sollte es hier doch schließlich gehen!

Auf die Verfassungswidrigkeit der Finanzierungsverträge, die nach meiner Überzeugung nichtig sind, gehe ich nicht näher ein; das war das Thema am letzten Montag. Daher nur noch kurz zur Bauzeit des Gesamtprojekts Stuttgart 21 und Neubaustrecke. Die Bahn behauptet 2020 fertig zu sein. Die wissen schon heute, dass vor frühestens 2025 gar nichts fertig ist! Dabei sind die Kostenrisiken, die so sicher sind, wie das Amen in der Kirche, noch gar nicht berücksichtigt! Das bedeutet mindestens 14 Jahre scheußliche Wunden in der Stadt, ein abschreckendes Bahnhofsprovisorium, Staub, Dreck und Lärm – und – es bedeutet, dass fast ein Viertel aller heute lebenden Stuttgarter keinen intakten Schlossgarten mehr erleben werden!

Stuttgart 21 ist – ganzheitlich abgewogen - SCHWACHSINN!
Das Fazit für den gesunden Menschenverstand lautet deshalb:
OBEN BLEIBEN!

Von: Frank Distel

 

50 Jahre und kein bisschen leiser!