Schutzgemeinschaft Filder - Dienstag, 18. September 2018
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Dienstag, 30. September 08

Mehr als 1000 feierten das Filder-Dank-Fest (Rede der SG Filder)

„Das wunderschöne Wetter haben wir verdient!“ So eröffnete der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder, Steffen Siegel, seine Rede zum Filderdankfest, das am 28. September unter freiem Himmel auf dem Hagebrunnenhof bei Scharnhausen stattfand. Den ökumenischen Gottesdienst gestalteten Pfarrer Hägele von der evangelischen Kirche Neuhausen, Pater Elmar von der Bosco Gemeinde Untertürkheim, Pfarrer Peter Becker a.D. (ehemals Echterdingen) und Andrè Zimmermann aus Scharnhausen. Unterstützt wurde der Gottesdienst durch eine  Jugendband aus Ostfildern. Danach labten sich die Besucher an den Früchten der Felder/Filder. Am Nachmittag begrüßte Oberbürgermeister Christof Bolay aus Ostfildern die bunte Besucherschar herzlich auf seiner Gemarkung und dankte dafür, dass Kommunen und Bürger gemeinsam die 2. Startbahnpläne verhindern konnten. Christof Bolay, der auch in Vertretung des Vorsitzenden des Kommunalen Arbeitskreises (KAF) Ingo Hacker sprach, der leider verhindert war, versprach der Schutzgemeinschaft weiter in Kontakt zu bleiben, auch wenn man nicht in allen Fragen übereinstimme (z.B. bei Flächennutzungsplänen). „Wir müssen alle wachsam bleiben“, mahnte Steffen Siegel (siehe Rede im Anschluss) und verwies auf die geplante Westerweiterung, deren Planfeststellungsverfahren für 2009 angekündigt ist und die  – einmal als Abstellplatz für ca. 30 Flugzeuge gebaut – den Druck auf ein Früherlegen der Startzeit enorm erhöhen würde. Viele Politiker und Bürgermeister hatten sich entschuldigt – auch Dr. Ulrich Noll hatte Terminschwierigkeiten. Gekommen waren Wolfgang Drexler (SPD, Vizelandtagspräsident), Winfried Kretschmann (Grüne, Landtagsfraktionsvorsitzender) aus dem Nürtinger Wahlkreis und Werner Wölfle (Landtagsabgeordneter der Grünen) aus Stuttgart sowie einige Gemeinderäte, die in den Kommunen und im Kreis links und rechts von der Autobahn wirken. Das Startbahnmodell der vier Neuhäuser Modellbauer, das viele der Besucher bestaunten, bestätigte die 2. Startbahngegner, wie wichtig unser Erfolg ist: “Wer sich eine solche Planung ausdenkt, weiß nicht, was er tut oder verachtet die Menschen”, sagte eine Besucherin angesichts der modellierten südlichen Startbahn kopfschüttelnd. Zum Schluss wurde auch noch getanzt zur tollen Musik der Band „The Cubes“. „Ein tolles Fest“ sagten viele, packten noch beim Aufräumen mit an und gingen zufrieden nach Hause.

Rede des Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Filder e.V., Steffen Siegel, am 28.9.08

Liebe Filderfreunde, ich grüße euch alle ganz herzlich;  ich finde, dass wir dieses Wetter verdient haben.
Um was geht es hier?  Seit langem mal wieder geht es um eine positive Entwicklung, es gibt etwas zu feiern.
Es geht vereinfacht gesprochen um unsere Kinder und um Kraut einerseits und um Krach und Kerosin und Kohle  andererseits.

Der Mensch ist nicht zum Fliegen gedacht.
Laufen ja, -aber schon beim Schwimmen gibt er eine jämmerliche Figur ab, gerade mal kurzfristig schafft er es und das auch nur an der Oberfläche.
Und Fliegen?  Ganz schlecht, er hat nicht mal Ansätze von Flügeln, sieht man mal von den Schulterblättern ab.
Gut, er träumt manchmal vom Fliegen, aber schon in der griechischen Mythologie ging das schief als Dädalus seinem Sohn Ikarus Flügel aus Federn mit Wachs anklebte und dieser gegen jede Anweisung zu hoch flog. Das Wachs schmolz in den heißen Sonnenstrahlen und er stürzte tödlich ab.  
Wir stehen heute vor einem ganz ähnlichen Problem.
Wir fliegen zu hoch, zu viel, zu weit, zu schnell, zu billig, und oft sogar ganz ohne jeden Sinn.
Da scheint es nur richtig, dass die Natur zurückschlägt.
So ändert sich das Klima bereits für alle erkennbar. Und zu einem der größten Klimakiller hat sich der Flugverkehr entwickelt: C02, N0x, Wasserdampf, Wolkenbildung usw.
Und was machen wir Menschen?  Wir tun alles, damit das Klima noch rascher kippt. Wir  fliegen ohne Not zum Shoppen nach Rom. Wir sind erfolgreich dabei, um den  gesamten Erdball eine Dreckschicht aufzubauen, die immer mächtiger wird.
Wir machen Lärm, produzieren Abgase  und wollen einzigartig fruchtbare Äcker zubetonieren. In Jahrtausenden, ja Jahrmillionen Entstandenes wird für alle Zeiten zugrunde gerichtet.
Und, in dem Bemühen sich schnell und weit fortzubewegen zerfetzen wir die Lebenswelt, in der sich fortzubewegen lohnend wäre. Wir ruinieren nicht nur unsere Heimat, sondern auch die fernen Regionen, in die wir fliegen, weil wir dort noch intakte Landschaft erhoffen. Bloß wie lange noch?
Ikarus hat sich nur selbst umgebracht. Heute leiden vor allem die, die nicht fliegen. Sie hören den Lärm, sie atmen die Abgase ein. Im Flieger dagegen ist es ruhig und voll klimatisiert. Wer das Verursacherprinzip ernst meint, müsste den Lärm und die Abgase ins Innere der Flugzeuge leiten.   Viele Probleme würden sich dann von alleine lösen.

Seit nunmehr 41 Jahren kämpft die Schutzgemeinschaft Filder gegen die Zerstörung unserer fruchtbaren Heimat. Wir haben verhindert, dass die Weidacher Höhe abgetragen wird, wir haben das eingeschränkte Nachtflug-
verbot erkämpft und vieles mehr, aber bei den großen Projekten Flughafen-ausbau und Messebau mussten wir dennoch bittere Niederlagen einstecken.

Großprojekte zu verhindern ist in diesem Lande fast unmöglich. Nur ganz, ganz selten ist dies gelungen,  so z.B. in Wyhl (AKW), in Boxberg (Teststrecke) oder in Wackersdorf (WAA).
Umso mehr können wir stolz sein, dass wir hier den Bau einer zweiten Startbahn auf den Fildern verhindert haben. Und das hat nicht die Schutzgemeinschaft allein geschafft,  sondern die Schutzgemeinschaft und die Bürgerinnen und Bürger und die Gemeinden und die Bürgermeister und die Bauern und die Vereine und die Kirchen und und und.
Denken wir an die Großdemonstration hier auf diesen Höfen mit 15 000 Demonstranten. Diese Höfe sollten unter einer mehr als 10 Meter hohen Dreckschicht verschwinden und denken wir an den großartigen Schulterschluss mit fast 50 Gemeinden und denken wir auch an den letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Wir haben aufgedeckt, dass ein längst vorhandenes Lärmgutachten für die Stunde zwischen 5 und 6 Uhr morgens der Öffentlichkeit gezielt vorenthalten wurde  usw.

Durch den beispiellosen  Einsatz all dieser Menschen auch weit über die Filderebene hinaus, sah sich die Landesregierung gezwungen, die Pläne für eine zweite Startbahn fallen zu lassen, wenigstens für die nächsten Jahre.

Ich zitiere MP Oettinger. Am 25.Juni sagte er im Landtag (wie wir inzwischen wissen, befand er sich damals übrigens innerhalb der Bannmeile):  (Zitat)
„…sind wir der Auffassung, dass eine zweite Start- und Landebahn … nicht zwingend erforderlich ist.“
Ein großer Stein fiel uns vom Herzen.
Mit Freude und Stolz feiern wir deshalb hier das  Filder-Dank-Fest.

Die vergangenen Jahre waren anstrengend.
Endlich einmal, so dachten wir, können wir durchatmen und es kehrt ein wenig Ruhe ein.
Denkste, die Flugzeuge dröhnen wie eh und je und es steht zu befürchten, dass es auch ohne zweite Startbahn noch deutlich schlimmer wird.
Warum sage ich das?

Nun, der Ministerpräsident fuhr nämlich fort (Zitat):

„Diese Aussage (die zweite Startbahn ist nicht zwingend erforderlich) gilt für die für uns absehbare und von uns zu verantwortende Zeit.“  Später wurde er von Radioreportern darauf angesprochen und er sagte, er meine damit so
8 bis 15 Jahre.
Offensichtlich hat Ministerpräsident Oettinger er noch nicht verstanden, dass auf den Fildern nichts mehr geht,  heute nicht und auch nicht in  x Jahren.

Weiter sagte er:  Der morgendliche Startbeginn soll 10 Minuten früher, also bereits um 5.50 Uhr eingeleitet werden. Das hört sich wenig an, aber einmal durchbrochen, ist damit zu rechnen, dass in Salamitaktik die Nachtflugeinschränkungen Schritt für Schritt weiter aufgeweicht werden.
Konsequenterweise müsste man dann auch abends um 23 Uhr schon 10 Minuten früher den letzten Start einleiten.
Was wir wirklich brauchen, ist ein konsequentes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr.

Oettinger erklärte weiter, er wolle Stuttgart zum Interkontinentalflughafenausbauen.
Im Planfeststellungsbeschluss 1987 steht eindeutig drin, der Stuttgarter Flughafen sei ausschließlich als europäischer Mittelstreckenflughafen angelegt, Interkontinentalflüge seien auch mit der damals geplanten Verlängerung der Startbahn nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich.
Also aufgepasst: Die nächste Forderung könnte heißen, die bestehende Bahn muss verlängert werden. Dies forderte Fundel übrigens bereits im Jahr 2000!

Oettinger sprach sich vehement für eine Westerweiterung aus.
Gedacht ist dabei an die Zerstörung weiterer 25 Hektar Ackerland, um zusätzlich für ca. 30 Flugzeuge Park- bzw. Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen.  Das würde bedeuten, dass  es morgens noch enger wird, weil in der Frühe alle Flugzeuge rasch raus wollen.   Damit würde der Druck, noch früher zu starten, immer größer. 
Übrigens sagte Fundel vor zwei Jahren  wörtlich:  „Die Westerweiterung ohne  zweite Startbahn wäre nicht logisch“.  (SZ; 6.5.06)
 Im Umkehrschluss kann dies doch nur heißen:  wenn jetzt  keine zweite Startbahn kommt, ist die Westerweiterung hinfällig. 

Beängstigend an all dem ist: Oettinger setzte ganz andere Schwerpunkte als wir:er verschwendete keine Silbe an die Themen Klima oder Landwirt-schaft oder Belastung der Bevölkerung. Er überlegt nur, wie man, wenn man schon im Moment eine zweite Startbahn nicht durchsetzen kann, wie man wenigstens den Flugverkehr weiter fördern kann
Dabei geht es doch eigentlich darum, das Fliegen zu bremsen.
 Bleiben wir also sehr sehr wachsam!

Aber auch von einer ganz anderen Seite her wird enormer Druck aufgebaut.
Der Flughafen erhofft sich 1,5 Millionen mehr Passagiere, wenn der Filder-ICE- Bahnhof unter der Messe kommen sollte.

Ich schweife mal kurz ab:
Die Medien sind seit Tagen damit beschäftigt und man empört sich zu Recht über die  300 Mio Überweisung der KfW Bank, die diese „aus Versehen“ an eine amerikanische Investmentbank getätigt hat, bei der klar war, dass sie insolvent ist.  Sie fragen mit Recht: Was hat denn das mit uns hier zu tun ?

Ich will es Ihnen sagen:
Der Flughafen  gibt noch viel mehr, bisher insgesamt 359 Mio Euro (auf Druck des Landes)  für das Projekt Stuttgart 21 aus. Und auch dieses Projekt steht auf der Kippe.
So hat man z. B. vor knapp zwei Monaten „die rasche Zahlung von 112 Millionen Euro direkt an die Bahn  in die Wege geleitet”. Um diese  Finanzspritze setzen zu können, musste die Flughafengesellschaft sogar einen Kredit aufnehmen, dh. sie haben das Geld gar nicht, das sie ausgeben.

Man kann zu S 21 stehen wie man will, aber der Flughafen ist doch kein Institut, das auf eigene Faust mit Geld spekuliert, der Flughafen gehört dem Land, der Stadt und damit dem Bürger.

Stellt euch vor, man schleust dieser Tage 112 Mio € an den Parlamenten vorbei direkt zur Bahn, ohne Zweckbindung, ohne Risikoabsicherung, für ein Projekt, das noch nicht mal in trockenen Tüchern ist. Die Kosten für Stuttgart 21 laufen im Moment aus dem Ruder. Zu den  geplanten Bahnsteigen im Filder-Bahnhof sagt das Eisenbahnbundesamt ein klares Nein.   Der Filderbahnhof unter der fertigen Messe, das problematischste und teuerste Teilstück nach dem Stuttgarter Hauptbahnhof ist noch nicht mal öffentlich erörtert oder gar planfestgestellt worden und schon schiebt man nicht vorhandenes Geld hin und her.
Da lässt sich erahnen, wie groß der Druck ist.
Ein Bahn-Sprecher sagte zu den Flughafenmillionen: „Sonst wäre Stuttgart 21 nicht wirtschaftlich“.  Na ja, Ich lass das so stehen.

Ungemach droht den Fildern aber auch von ganz anderer Seite
Einige Kommunen machen unverdrossen weiter mit der Ausweisung neuer Baugebiete auf besten Böden und
erst dieser Tage sprach der Ministerpräsident gegen alle Versprechungen, von einer Erweiterung der Messe, natürlich wieder auf Kosten dieser wunderbaren Ackerböden, die so etwas  Kraftstrotzendes wie diesen Spitzkrautkopf (hebt den Krautkopf hoch) hervorgebracht haben; - entstanden aus einem unscheinbaren Samenkorn; -  herrlich,   nahrhaft, ohne Konservierung lange haltbar, verdauungsfördernd,  unvergleichlich,   Blatt für Blatt,   eben Filderkraut.
Da kann einen doch die Ehrfurcht packen . 

Kerosin dagegen kann man nicht essen.

Uns wird ständig gesagt, vorgebetet, dass es sinnvoll wäre, dem sogenannten „Fortschritt“ zu dienen, immer mehr Wachstum anzustreben, die Welt mit Dingen zu überschwemmen,  die nicht nur nutzlos und teuer sind  sondern darüber hinaus auch noch höchst zerstörerisch und schädlich.

Dieser Rausch des Wachsens und Verbrauchens und Verdienens und Zerstörens wird irgendwann naturgesetzlich zwingend vorüber sein. Und was bleibt dann?
Wir müssen damit jetzt aufhören, auf der Stelle, um fast jeden Preis.

Wir haben die Welt nur geborgt von unseren Kindern

Wir fordern Respekt vor der Natur.

Einen ersten Schritt in die richtige Richtung, ein Schritt in Richtung Innehalten haben wir hier getan.

Lasst uns doch davon träumen, dass unsere Kinder einmal den Genuss absoluter Stille erleben mögen, und seien es nur 10 Minuten täglich.

In diesem Sinne: unterstützt uns, wachsam, auch weiterhin und jetzt
- lasst uns dankbar feiern, wir alle haben es verdient,  
- lasst uns dankbar feiern, denn die, die auch mal das Leben genießen können,
  wissen besser wofür sie kämpfen.   

Eine reicht – ewig !  

 

 

 

 

 

 

Von: Steffen Siegel