Montag, 22. März 10

K21-Montagsrede der SG Filder zur Filderproblematik (Steffen Siegel, 22.3.2010)

Ich grüße euch, - liebe Freunde der Bahn.
Zur Einstimmung ein altes Zitat von vor 15 Jahren
Der damalige Wirtschaftsförderer Häfele  (SZ 30.3.95) sagte doch tatsächlich: 
„Wer bei Stuttgart 21 mitreden will, muss Kapital einbringen.“
Na, dann können wir ja heimgehen, oder?       
Wir von der Schutzgemeinschaft Filder kennen solches Geschwätz, wir haben nun schon 43 Jahre Erfahrung mit Großprojekten und haben neben bitteren Niederlagen eben auch großartige Erfolge errungen, die euch Mut machen sollten 
         Immer waren die Macher ältere Herren, die behaupteten, sie dienten dem Fortschritt. Hier ist es genau so: Rommel, Teufel, Dürr, Wissmann, Mehdorn, Tiefensee, Oettinger, Schuster, Grube, Ramsauer, Drexler ….
Deren Altersschnitt liegt weit über dem, der hier Anwesenden.
Und die wollen für unsere Kinder sprechen?

Und die Staatsmacht hier weiß auch nichts Besseres als bei uns oben auf den fruchtbaren Fildern, dem Gemüsegarten Stuttgarts-, eine Messe durchzudrücken und einen Zentralen Omnibusbahnhof zu planen und die unterirdischen Wurmfortsätze des Wahnsinnprojektes S 21 voranzutreiben usw.
        10 Jahre hat es gedauert bis die Messe, trotz unseres erbitterten Widerstands gebaut wurde und auch nur mit Hilfe übler Tricks. Früher haben die Herrscher ihre Söldner geschickt und das Land direkt mit Schwert und Feuer geraubt, heute machen sie sich die Hände nicht mehr schmutzig, man ändert einfach bestehendes Recht und macht sich ein eigenes Landesmessegesetz.
       Warum erzähle ich das?
Der wesentliche Grund , den Bahnhof hier tiefer und quer zu legen, war die Anfang der 90er Jahre geborene Idee, den Flughafen anzubinden und dort oben eine Messe zu bauen.      Messechef Gehring: (EZ 19.1.95) „Der am Flughafen geplante ICE-Bahnhof ist eine Steilvorlage für die neue Messe.“

Die Messe ist inzwischen gebaut und schreibt, wie erwartet rote Zahlen,  - Stuttgart 21 ist derweil immer noch nicht im Bau.      
Und das ist auch euer Verdienst.
    Worum geht es aktuell:
Die Schnellbahntrasse nach Ulm ist völlig ungeklärt, Güterzüge sollen weiterhin durchs Filstal brettern und jetzt auch noch die Riesenprobleme mit der Gäubahn.
    Stellen wir uns vor, der ICE nach Ulm startet im Stuttgarter Kellerbahnhof und beschleunigt mühsam im steilen Fildertunnel aufwärts, um dann am Echterdinger Ei schließlich ans Tageslicht zu kommen. Unmittelbar drauf schleift er sich abbremsend nach rechts in einen Tunnel unter der Messe ein, um dort in einem neuen ICE-Tiefenbahnhof zu halten. Das gibt es in ganz Deutsch-land nicht noch mal, dass der ICE innerhalb weniger Minuten zweimal hält.
Das  ist Schwachsinn auf Schienen.

Auch die Gäubahnzüge, kommen am Echterdinger Ei aus dem Fildertunnel,
biegen dann links ab, um dann  in einem eigenen Tunnel unter dem
Messeparkhaus zum  bestehenden S-Bahn –Tiefbahnhof zu kommen und sich
danach durch einen zu engen S-Bahntunnel zu quetschen und dann durch Leinfelden-Echterdingen zu donnern, auf einer zu schmalen Trasse, mit zu engen Kurven im Mischverkehr mit der S-Bahn.  
             Das alles geht eigentlich gar nicht.
Die Bahnsteighöhen von S-Bahn und von Regionalbahnen sind verschieden.
Eine Kombination beider Zugarten an einem Bahnsteig unter der Messe ist deshalb nicht zulässig, und der bisher vorgesehene S-Bahntunnel ist zu schmal für den Fernverkehr, d.h. wesentliche Sicherheitsmaßnahmen (Rettungswege) sind nicht umsetzbar.  Das Bundesverkehrsministerium widersprach daher bereits im Oktober 2007 den Planungen der Filderbahnhöfe.
Seither ruht das Verfahren.  Nun hofft man auf eine einzigartige Ausnahmegenehmigung für die Bahnsteighöhen und für die fehlende Sicherheit  im Tunnel.
Wenn es keine Ausnahmegenehmigung gibt und alles andere wäre ein Skandal, dann befürchtet Werner Klingberg (Bahn-Konzernbeauftragter), dann gibt es jahrelange Verzögerungen und für neue Tunnel fallen 80 Mio an, woraufhin Wolfgang Drexler dieser Tage konterte: „Es gibt (da oben) kein Sicherheitsproblem,… jahrelange Bauverzögerung und höhere Kosten sind reine Spekulation“. 
Es ist erfreulich, dass die sich jetzt bereits intern in die Wolle kriegen.

Bei all den Auseinandersetzungen wundert man sich über den Dilettantismus derer, die das Projekt vorantreiben wollen. Was unterscheidet die von uns?  
Wir kommen auf eigene Kosten hierher, wir haben keine teuren Zuarbeiter, wir machen unsere Flugblätter selbst, wir verteilen sie selbst, wir nehmen unsere Freizeit in Anspruch.  Die andere Seite schwimmt im Geld, lässt Gutachten erstellen, hat Heerscharen von Juristen und Werbeleuten, lässt sich herumchauffieren, lässt drucken und verteilen und alles auf Kosten der Steuerzahler, das heißt, wir zahlen nicht nur unseren Widerstand, wir zahlen auch noch die schlechte Arbeit unserer Gegner. 
Von Waffengleichheit kann hier nicht die Rede sein!
Ein Wunder, dass wir die, trotz allem in so große Schwierigkeiten bringen. 
Wir haben eben einfach die besseren Argumente!
Ich stelle fest:
-  Bis heute ist der, nach dem Hauptbahnhof schwierigste Abschnitt von Stuttgart 21, nämlich der Bereich „Messe, Flughafen, Filderbahnhof“, völlig in der Schwebe. Die Unklarheiten in diesem Abschnitt sind so groß, dass dort bis heute keine, –zwingend vorgeschriebene –, öffentliche Auslegung und Anhörung stattgefunden hat, und damit liegt erst recht kein gültiger Planfest-stellungsbeschluss vor, der Voraussetzung für einen Baubeginn wäre.
Nach den bisherigen Erfahrungen bei anderen (problemloseren) Abschnitten zu Stuttgart 21 dauern diese Verfahren von der ersten öffentlichen Auslegung bis zu einem gerichtsfesten Planfeststellungsbeschluss 4 bis 5 Jahre. Hier wird es viel länger dauern.

 Kein Mensch darf auch nur ein Gartenhäuschen bauen, wenn z.B. nicht klar ist, wie und wohin das Abwasser abfließt, bei dem Riesenprojekt Stuttgart 21 dagegen gelten offensichtlich weder der gesunde Menschenverstand noch die üblichen Bauregeln.  Die Planer haben vor, bereits im nächsten Jahr, mit dem Graben eines Tunnels vom Zentrum Stuttgarts hinauf auf die Filder zu beginnen.  Nur,- am anderen Ende des Tunnels ist dann allerdings nicht klar, ob es weitergeht, ob die Bahnhöfe unter der Messe technisch so möglich sind, ob die Tunnelbauten genehmigungsfähig sind, ob die Gäubahn unten am HBF abgehängt werden darf und wie viel teurer alles wird.
Man hofft darauf, dass dann die Sachzwänge irgendwelche bisher noch nie erteilte Sondergenehmigungen erzwingen.
Wir fordern deshalb:
Sofortiger Stopp von Stuttgart 21, bevor noch mehr Geld und Glaubwürdigkeit in den Sand gesetzt werden!

Ein Wort zu den finanziellen Verstrickungen des Flughafens:
 Bereits im  Sommer 2008 hat der Flughafen 112,2 Mio Euro direkt an die Bahn für Stuttgart 21 überwiesen, ohne Zweckbindung, ohne Risikoabsicherung. 
Diese schon gezahlten 112,2 Mio tauchen in keiner Kostenrechnung des Landes oder der Bahn auf!    Die getricksten 4,1 Mrd Gesamtkosten müssten ja schon allein deshalb mindestens auf 4,2 Mrd hochgesetzt werden.
Ich glaube, diese älteren Herren machen dies alles nicht vorrangig aus Geldgier, sie sind nicht in erster Linie raffiniert und gemein, nein, es ist viel schlimmer, sie glauben wirklich daran, dass sie das Richtige tun, wobei das Volk nur stört,  und weil es ja angeblich um etwas Größeres geht, machen sie sich keinen Kopf, wenn etwas moralisch bedenklich oder wenn etwas nicht ganz nach den Buchstaben des Gesetzes abläuft.         Sie sind wie Drogensüchtige. 
   Ihre Droge heißt  „immerwährendes Wachstum“, egal was, egal wie,  egal  
   was es kostet  
                                 Ja,  - nicht mal das fehlende Geld irritiert sie.
Der Mensch kann sich eine Milliarde nicht vorstellen.    Wenn man nur jeden Tag, auch sonntags,  100 000 Euro aufbringen würde, so müsste man dies 178 Jahre lang tun, um  6,5 Milliarden Euro zusammenzubekommen.
Vor 178 Jahren hätte man also anfangen müssen, täglich 100 000 € zu sparen, um es heute beisammen zu haben.  
Vor 178 Jahren, das wäre  1832, - starb Johann Wolfgang  von Goethe .
Könnt ihr euch Goethe vorstellen, wie er im ICE mit 200km/h in unterirdischen Röhren nach Ulm düst und sich freut, dass es jetzt einige Minuten schneller geht und dabei Ideen für ein literarisches  Meisterwerke entwickelt?  Ich nicht!
Wir Schwaben waren weltweit führend im Export, trotz einer kleinen aber gut funktionierenden Killesbergmesse, trotz eines funktionierenden Flughafens mit nur einer Startbahn,   trotz eines oberirdischen Kopfbahnhofes -                    oder waren wir vielleicht gerade deshalb so gut ?
Die bescheidene Art der Schwaben, nicht mehr auszugeben als man hat, entspricht den Tüftlern und Entwicklern, den Handwerkern und Bauern, dem Filderkraut  und den Weinbergen aber eben  auch den Dichtern und Denkern.      Dies alles hat uns weltweit größtes Ansehen gebracht.
Jetzt hecheln die Macher einem Einheitsbrei von noch mehr Beton und Lärm, - mit Leuchtreklame und McDonald hinterher, es wird Geld verschwendet, das man nicht hat, im Delirium des Verbrauchens schwafelt man von Synergie und Globalisierung und gefällt sich in Großmannsucht und Wachstumswahn.

Schwäbische Tugenden hat man längst über Bord geworfen.

Hier bei S21 geht es uns nicht nur ums Geld und nicht nur um die Zerstörung des Bahnhofs, hier geht es um unsere Identität.
Besinnen wir uns auf unsere schwäbischen Tugenden, auch was den Widerstand gegen Größenwahn angeht.      

Wir hier sind wirklich unabhängig, wir spielen mit offenen Karten, wir werden mit unseren bescheidenen Mitteln ohne Steuergelder , aber unserer großen Sachkunde, mit viel Energie und mit Ihrer aller Hilfe diese alten Herren, die sich irgendwann gegenseitig das Verdienstkreuz anheften werden,  in ihre  Schranken weisen, - zum Wohle aller.
 
Geben wir unseren Kindern eine Chance !

 

 

Von: Steffen Siegel

 

50 Jahre und kein bisschen leiser!