Sonntag, 14. Oktober 12

Einspruch gegen die Planänderungen beim S21 Grundwassermanagement

Frank Distel, Bürgermeister i.R. und Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft Filder schreibt im Rahmen des Planänderungsverfahrens bezüglich des Grundwassermanagements einen Einspruch an das Regierungspräsidium Stuttgart:

 

An das                                                                                   
Regierungspräsidium Stuttgart                        
Abteilung: Wirtschaft und Infrastruktur
Postfach 800709
70507 Stuttgart                                                                  Ostfildern, 13.10.2012

 

per Fax 0711-904 12490 ( 3 Blatt )

Einspruch gegen folgende Stuttgart 21- Planänderungsanträge:

  • 7. Planänderungsantrag zum Planfeststellungsabschnitt 1.1
  • 6. Planänderungsantrag zum Planfeststellungsabschnitt 1.5
  • 2. Planänderungsantrag zum Planfeststellungsabschnitt 1.6a


Sehr geehrte Damen und Herren,

die beantragten Pläne sind NICHT GENEHMIGUNGSFÄHIG!

Mehr als eine Verdoppelung der bauzeitlichen Grundwasser-Entnahme von 3 Mio. Kubikmeter auf 6,8 Mio. Kubikmeter allein bei der 7. Planänderung, bedeutet eine noch größere Absenkung des Grundwassers als bisher geplant, zumal die Infiltrationsmenge (Wiedereinpumpen von Grundwasser in den Untergrund) nicht erhöht werden soll. Dies ergibt neue, größere Risiken und zusätzliche Betroffenheiten.

 Begründungen:

 1. Gebäude wie die Kopfbahnhofhalle, der Bahnhofsturm, Wohn- und Geschäftsgebäude im Einzugsbereich der Grundwasserentnahme (Kernerviertel, Kriegsberg), können durch Setzungen großen Schaden nehmen, unter Umständen sogar einstürzen.

Beweis für diese Möglichkeit: das Stadtarchiv in Köln durch den dortigen U-Bahnbau.

2. Durch die Infiltration, kann es zu Hangrutschungen kommen, wovon insbesondere die Gebäude am Ameisenberg und im Kernerviertel erheblich beschädigt werden können.

3. Durch die Verdoppelung der Grundwasser-Entnahme kommt es zu einer Gewichtsreduktion der über dem Mineralwasserhorizont liegenden, die Grundwasserhorizonte trennenden Gesteinsschichten. Da das Mineralwasser unter Spannung steht, kann es sehr leicht aufsteigen und sich durch die schützenden Trennschichten drücken. Dies gilt insbesondere entlang von Klüften und Spalten, weil das austarierte Gegengewicht fehlt. Ein Aufstieg von Mineralwasser wird mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Schüttungsrückgang der Mineralquellen führen – für die Stuttgarter Mineralbäder würde sich dies katastrophal auswirken.           

4. Das Mineralwasser kann auch in seiner Qualität Schaden nehmen durch die von der Bahn beantragte Einleitung von Trinkwasser in die geologischen Schichten über dem Mineralwasservorkommen. Damit soll das oben beschriebene Gegengewicht wieder hergestellt werden. Es besteht dabei jedoch die Gefahr, dass sich Trink- und Mineralwasser mischen. Damit wäre aber das Mineralwasser verdünnt, voraussichtlich sogar verunreinigt und daher kein verwertbares Mineralwasser mehr.

5. Durch die stark erhöhte Grundwasserentnahme können die ca. 700 Bäume im Oberen- Unteren und Mittleren Schlossgarten von ausreichender Wasserzufuhr abgeschnitten werden und in der Folge absterben. Insbesondere die Großbäume sind durch die starken Temperaturzunahmen im Stuttgarter Talkessel ohnehin durch den Klimawandel vorgeschädigt. Das vorgeschlagene Bewässerungskonzept ist impraktikabel und es fehlen jegliche Erfahrungswerte in Bezug auf einen derart großen Grundwasserumschlag. 

6. Bei der Infiltration besteht zudem die Gefahr, dass zu viel Wasser wieder eingepumpt wird, was zu Stauvernässung und daher raschem Absterben der Feinwurzeln und damit der Bäume insgesamt führen kann. Aufgrund der kurzen Zeiträume ist ein kontrolliertes Gegensteuern schlicht unmöglich. Besonders betroffen wäre z.B. die einmalige Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Allee im Unteren Schlossgarten (Naturdenkmal). Das gesamte Grundwassermanagement wird vom Antragsteller ohnehin rücksichtslos auf der Basis von "try and error" betrieben! 

7. Die Bahn hat beantragt, die im Planfeststellungsbeschluss festgelegten Maßnahmen zur Aufbereitung des Grundwassers wie auch zur Überwachung deutlich zu verringern. So sollen die vom Städtischen Umweltamt festgelegten Grenzwerte für Schwermetalle und Fluoride nicht eingehalten werden müssen. Dieses ungeheuerliche Ansinnen eines Quasi-Generaldispens ist mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen! 

8. Bei der Verdoppelung der Grundwasserentnahme kommt es zu einer entsprechend größeren Menge von anfallenden Schlämmen und Reststoffen, die entsorgt werden müssen. Daraus resultiert eine insgesamt größere Umweltbelastung, als bei früheren Genehmigungsverfahren absehbar war.

Zusätzlich zu meiner persönlichen Stellungnahme mache ich mir die Einwendungspunkte des BUND, Landesverband Baden-Württemberg, voll umfänglich zu eigen. 

Weitere Einspruchsgründe: 

Die gesamte Maßnahme "Stuttgart 21" ist aufgrund schwerer und angesichts der Enge der Bahnsteige und Fluchtwege kaum zu behebender Mängel in Sicherheit und Brandschutz, nach neuerlichen Erkenntnissen grundsätzlich nicht mehr genehmigungsfähig. Dieser neue Bahnhof und die engen, steilen und daher z.B. für Rettungszüge nicht befahrbaren Tunnelstrecken, stellen eine latente Gefahr für Leib und Leben der Bahnfahrgäste dar. 

Nahezu alle Planrechtfertigungen, die zum Zeitpunkt der seinerzeitigen, verschiedenen Planfeststellungsbeschlüsse und Genehmigungen - teilweise ermessensfehlerhaft und abwägungsdefizitär - anerkannt wurden, sind durch schwerwiegende neue Erkenntnisse obsolet geworden, sodass die Geschäftsgrundlagen der Genehmigungen weitgehend entfallen sind. Dies gilt in besonderem Maße für die inzwischen verfestigte Erkenntnis, dass es sich bei der Gesamtmaßnahme um einen Rückbau der Bahninfrastruktur handelt und darüber hinaus für wahrscheinlich zukünftig steigende Bahnnachfrage keinerlei Erweiterungen möglich sind.

Alle bereits erteilten Genehmigungen sind bei dieser - durch seriöse Gutachten untermauerten - Sachlage infrage zu stellen.

Dasselbe gilt im Blick auf die zahlreichen, von der Bahn und ihrer überforderten Projektsteuerung verursachten Pannen, Schäden und Gefahren. Die Antragstellerin beweist fortwährend, dass sie ganz offensichtlich keinesfalls in der Lage ist, eine Baumaßnahme dieses Ausmaßes auch nur annähernd reibungslos und ohne erhebliche Gefahren für Menschen, Sachgüter und Umwelt zu bewältigen. 

Auch aus dieser Sicht sind die beantragte Genehmigung zu versagen und generell alle bereits erteilten Genehmigungen wegen permanenter Gefahr im Verzug zurückzuziehen.

Der Unterzeichnende ist sich bewusst, dass die Rücknahme bereits erteilter Genehmigungen nicht Gegenstand des hier anhängigen Verfahrens ist. Dennoch wird bereits hier darauf hingewiesen, um die Anhörungs- und die Genehmigungsbehörde zu sensibilisieren, dass mit diesem Projekt die wahrscheinlich größte Fehlplanung der gesamten deutschen Bahngeschichte erzwungen werden soll. Dieses Verfahren betrifft einen Teil dieser Fehlplanung!

Ich beantrage, die von der Antragstellerin vorgelegten Pläne zurückzuweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Frank Distel

 

Von: Frank Distel

 

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