Schutzgemeinschaft Filder - Sonntag, 16. Dezember 2018
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Montag, 21. Juli 08

BUND und Schutzgemeinschaft Filder: Dramatische Klimaverschlechterung durch den Flugverkehr

Pressekerlärung des BUND und der SG Filder am 14.Juli 2008

Stuttgart / Filderstadt. Im April wurde ein neues Gutachten des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie veröffentlicht, das den Titel „Luftverkehr 2007: Im Steigflug in die Klimakatastrophe?“ trägt. Auftraggeber der Studie war auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Auf Einladung der Schutzgemeinschaft Filder und des BUND stellte der Autor der Studie, Dr. Karl Otto Schallaböck, am heutigen Montag in Filderstadt die Ergebnisse und Schlussfolgerungen seines Gutachtens vor. Die zentrale Aussage des Gutachtens lautet, dass die Klimalasten des Flugverkehrs total unterschätzt werden und die Klimaschutzziele der Bundesregierung durch den geplanten Ausbau der Flughäfen unterlaufen würden. Angesichts der dramatischen Datenlage, die in der Studie dargelegt wird, appellierten die BUND-Landesvorsitzende Dr. Brigitte Dahlbender und der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder Steffen Siegel an die Bundes- und Landesregierung, geeignete Maßnahmen zur Eindämmung des Flugverkehrs zu ergreifen. „Vor einem Jahr hat die Bundesregierung in ihrem Energie- und Klimaprogramm die Senkung der CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent beschlossen, dabei wurde jedoch der rasant steigende Flugverkehr weitgehend ausgeklammert. Als einzige Maßnahme soll er bis 2012 in den europäischen Emissionshandel einbezogen werden. Das ist aber keinesfalls ausreichend“, betonte Dr. Dahlbender: „In gleicher Weise unzureichend reagiert die baden-württembergische Landesregierung in ihrem Umweltplan und Klimaschutzkonzept auf die Klimabelastungen durch den Flugverkehr.“ Sie forderte die Bundes- und Landesregierung auf, „zumindest alle Klimawirkungen des Fliegens, auch jene die über die schädlichen Wirkungen des Kohlendioxids hinausgehen, vollständig zu berücksichtigen und die Steuerbefreiung für Kerosin endlich abzuschaffen sowie den innerdeutschen Flugverkehr konsequent auf die Schiene zu verlagern.“ Eine weitere Zunahme des Flugverkehrs sei mit den Klimaschutzzielen der Bundesregierung und der baden-württembergischen Landesregierung nicht mehr zu vereinbaren.

Die wesentlichen Ergebnisse der Studie

„Der Energieverbrauch und damit die CO2-Emissionen des Flugverkehrs nehmen in Deutschland pro Jahr um dreieinhalb Prozent zu. Der Anteil der Fliegerei an den gesamten Klimabelastungen beträgt derzeit rund acht Prozent und bei Fortsetzung des gegenwärtigen Wachstums würden die Klimawirkungen des Luftverkehrs bereits in fünf Jahren die des heutigen Pkw-Verkehrs übersteigen. Dieser ist in Deutschland für jährlich rund 1oo Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid verantwortlich“, fasst Dr. Schallaböck die Ergebnisse seiner Studie zusammen. Bei trendgemäß weiterer Expansion des Luftverkehrs würde dieser im Jahr 2030 bereits deutlich mehr als ein Drittel der akzeptablen Klimalasten Deutschlands für sich alleine in Anspruch nehmen. Dr. Schallaböck kritisierte auch, dass in den offiziellen Klimabilanzen der Bundesregierung die Klimawirkung des Flugverkehrs massiv unterschätzt wird. Bei den klimawirksamen Emissionen würde beispielsweise nur Kohlendioxid berücksichtigt, obwohl gemäß Weltklimarat die gesamten Klimawirkungen des Fliegens global gemittelt zwei- bis viermal schädlicher sind als die entsprechenden Emissionen am Boden.

Vermeiden lässt sich dieses Szenario nur, so das Fazit von Dr. Schallaböck, wenn der Flugverkehr in ein wirksames Emissionshandelssystem einbezogen wird, Kurzstreckenflüge unterbleiben, das entsprechende Passagieraufkommen auf die Bahn verlagert wird und die vorhandenen Flughäfen nicht ausgebaut werden. Die Bundesregierung als Alleineigentümer der DB AG muss deshalb die Voraussetzungen für solche Verlagerungen schaffen und für eine bessere Kooperation zwischen Bahn und Fluggesellschaften sorgen. Beendet werden muss auch der Wildwuchs von Flughäfen mit Unterstützung durch staatliche Subventionen. Derzeit gibt es 257 Flughäfen und Flugplätze. Deutschland hat damit weltweit die höchste Flughafendichte.

Verlagerung auf die Schiene statt zum Baden-Airport

„Auch Ministerpräsident Günther Oettinger hat kein Konzept, wie die Klimalasten des Flugverkehrs reduziert werden können“, kritisiert Dr. Dahlbender die Landesregierung: Der Verzicht auf eine zweite Start- und Landesbahn am Stuttgarter Landesflughafen sei wahltaktisch, aber nicht klimapolitisch motiviert. Es sei eine Illusion zu glauben, die Probleme durch eine Verlagerung von Flügen auf den regionalen Baden-Airport lösen zu können. „Die Belastung auf den Fildern kann nicht dadurch gemildert werden, dass in Söllingen neue Belastungen durch CO2, Lärm und Flächenverbrauch geschaffen werden“, erklärt Dr. Dahlbender und fordert ein landesweites Vorgehen zur Begrenzung des Flugverkehrs. Dafür spreche auch die sich abzeichnende Verknappung und dramatische Verteuerung der Treibstoffe. „Etwa 30 Prozent aller Starts entfallen in Stuttgart allein auf den innerdeutschen Flugverkehr. Besonders absurd ist, dass täglich im Durchschnitt bis zu  24 Flüge jeweils über kürzeste Distanzen von bzw nach Frankfurt und München stattfinden“, begründet Dahlbender die Position des BUND. „Der innerdeutsche Verkehr kann sofort auf die Schiene verlagert werden. Da brauchen wir auch keine Verlagerung von Fliegern zum Baden-Airport.“ Darüber hinaus könnten auch etliche Flüge ins nahe europäische Ausland, wie beispielsweise Paris, auf der Schiene abgewickelt werden. „Um dieses Ziel zu erreichen, muss sich die Landesregierung für einen beschleunigten Ausbau der Bahn-Neubaustrecke zwischen Mannheim und Frankfurt einsetzen – dies ist der entscheidende Engpass im Hochgeschwindigkeitsverkehr der Deutschen Bahn zwischen Süddeutschland und den wichtigen Flugzielen Frankfurt, Hamburg und Berlin“ erklärt Dr. Dahlbender:
„Wenn wir hier zügig handeln, können wir die Belastung durch den Flugverkehr reduzieren. Wir brauchen gewiss keine Verlagerung von Flugverkehr auf regionale Flugplätze.“ Das hat die Schutzgemeinschaft Filder von Anfang an aufgezeigt: Die bloße Forderung nach einer besseren Verteilung des Flugverkehrs in Baden-Württemberg birgt die Gefahr, dass insgesamt noch mehr geflogen wird.

Keine zweite Startbahn in Stuttgart bei gleichzeitigem Ankurbeln des Flugverkehrs

Das bestätigt auch die Rede des Ministerpräsidenten Günther Oettinger am 25. Juni 2008 im Landtag, wo er darlegte, dass vorerst keine Notwendigkeit für eine 2. Startbahn bestehe, aber insgesamt dem Steigflug das Wort redete (Zitat: „…dass eine zweite Start- und Landebahn unter Berücksichtigung der Interessen des Standorts Baden-Württemberg, der Bedürfnisse der Wirtschaft und der Sicherung und Erhaltung von Arbeitsplätzen nicht zwingend erforderlich ist.“)  Die Themen Klima, Landwirtschaft und Böden oder auch die Belastung der Bevölkerung kamen in den Ausführungen des Ministerpräsidenten nicht vor. „Hätte Günther Oettinger diese Aspekte berücksichtigt, wäre nur eine Schlussfolgerung möglich gewesen: die zweite Startbahn für alle Zeiten zu beerdigen“, erklärt Steffen Siegel.

Stattdessen kündigte Ministerpräsident  Oettinger eine Reihe von Maßnahmen an, durch die der Flugbetrieb in Stuttgart  und im Land weiter gesteigert werden soll:
*   So betonte MP Oettinger, dass die Auslastung in Stuttgart nur 65 Prozent betrage, deshalb strebe er an, den Flughafen „verstärkt zu einem interkontinentalen Flughafen zu veredeln“. Dies steht, so betont die SG Filder in krassem Widerspruch zu dem bestehenden Planfeststellungsbeschluss aus dem Jahr 1987, in dem festgelegt wurde, dass der Flughafen zu einem Mittelstreckenflughafen mit einer Reichweite von 3000 km auszubauen ist. Wegen des bestehenden Bahngefälles und der begrenzten Länge der Bahn sei auch in Zukunft nicht an Interkontinentalverkehr zu denken, so der Beschluss.
*  Mit der Forderung, den morgendlichen Startpunkt von 6 Uhr auf 5.50 Uhr vorzuverlegen, rüttelt MP Oettinger am Planfeststellungsbeschluss von 1987. Steffen Siegel: „Das riecht nach Salamitaktik. Ist der Beschluss einmal verändert, ist zu befürchten, dass Stück für Stück eine weitere Aufweichung des eingeschränkten Nachtflugverbots erfolgt.“
*  Zudem kündigte MP Oettinger an, dass er in den nächsten zwei Jahren im Westen 25 Hektar bestes Bauernland opfern will, um ca. 30 Abstellpositionen für Düsenflugzeuge zu schaffen. Das aber wird laut SG Filder nur den Druck erhöhen, die Startzeit irgendwann doch auf 5 Uhr vorzuziehen, da morgens um 6 Uhr die Flugzeuge bereits heute Schlange stehen.
 Der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder, Steffen Siegel bedauert es deshalb, dass Ministerpräsident Oettinger die Ankündigung, die zweite Startbahn nicht mehr weiterzuverfolgen nicht zum Anlass nahm, als Vorkämpfer für die Klimaziele der Bundesregierung aufzutreten, sondern im Gegenteil von einem weiteren Ausbau des Flugverkehrs sprach. Steffen Siegel: „Es handelt sich nicht um eine Veredelung des Flughafens Stuttgarts oder Söllingens, sondern um eine Aufrüstung. Das ist eine Kriegserklärung an das Klima.“

 

 

 

 

 

 

 

Von: Gabi Visintin