Sonntag, 11. Oktober 09

600 kamen zur Aktion gegen Westerweiterung und Gewerbegebiet - Rede des SG Filder Vorsitzenden

Rede  von Steffen Siegel am Aktionstag gegen die Westerweiterung am  11.10. 2009

Seid gegrüßt liebe Filderfreunde  inmitten dieser fruchtbaren Felder. Seid gegrüßt in einer der letzten Frischluftschneisen für  Stuttgart.
Wie sagten OB Roland Klenk und auch Regionalpräsident Thomas Bopp dieser Tage zu dem hier geplanten Gewerbegebiet (Zitat:) „Das ist ein absoluter Premiumstandort, wie es ihn in Ba.- Wü. kein zweites Mal gibt.“
Die beiden haben Recht, das ist ein Premiumstandort, -  wir stehen hier
auf dem Besten, was diese Erde zu bieten hat, auf Filderboden.
Ich habe als kleiner Bub erlebt, wie in der Nachkriegszeit die ausgehungerten Städter kamen, um auf den abgeernteten Feldern vielleicht noch ein paar Kartoffeln oder ein paar Ähren zu finden.
Jetzt, wo wir im Überfluss leben, vergisst man dies leicht und einige Herren setzen, ohne schlechtes Gewissen alles daran, diesen einzigartigen Gemüse-garten Stuttgarts preiszugeben, - auf alle Ewigkeit!   Ohne Not.   Warum ?
Für das Gewerbegebiet besteht keinerlei Druck, im  Gegenteil, - niemand steht Schlange, die Planer müssen sich weltweit bemühen um für diese Flächen Investoren zu bekommen.  Bürgermeister und Wirtschaftsförderer wollen dieser Tage reisen, um für „ihr“ Gewerbegebiet bei internationalen Fachmessen zu werben und um bei Investoren Interesse zu wecken.
OB Klenk will nicht einmal ausschließen, dass das Gewerbegebiet einmal auch noch südlich auf bis zu 36 Hektar bis zu den Amerikanern hinunter vergrößert wird.
Ich weiß, die Gemeinden brauchen Geld, aber wir alle wissen auch, man kann es nur einmal ausgeben und man kann es auch nicht essen.

Und es gibt noch jemand, der davon träumt, hier zu betonieren:
Der Flughafen mit seinen Westerweiterungsplänen
Ich will Ihnen
die eigenartige Geschichte der Westerweiterungspläne erläutern:
Dabei muss ich Sie mit einigen Hintergrundinformationen belasten, damit Sie verstehen, wie die Westerweiterung und der morgendliche Startbeginn zusammenhängen und wie wir immer wieder hinters Licht geführt werden.
Im Jahr 2000, sprach der Flughafen unerwartet von einer zweiten Startbahn und davon, dass er die bestehende Bahn um 300 bis 600 Meter verlängern wolle und hoffte, dass dies im Windschatten der damals heißen Messediskussion untergehen würde. Ministerpräsident Erwin Teufel, der keinen „zweiten  Kriegs-schauplatz“ brauchen konnte, wies den Flughafenchef Georg Fundel im wahrsten Sinn des Wortes in seine Grenzen und beendete damals die Diskussion

Kurz darauf forderte der Flughafen eine Westerweiterung damals um ca.30 Hektar, um zusätzlich 30 bis 40 Flugzeuge hier über Nacht stationieren zu können. Dass dies völlig daneben ist, haben wir schon damals klar nachge-wiesen.  Bei 57 bestehenden Stellplätzen ist eine Vergrößerung um 50 bis 60% durch nichts gerechtfertigt. Außer man denkt weiter an eine zweite Startbahn.

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Im Jahr 2004  wird Teufels Messe mit Hilfe eines eigenen Landesmessegesetz mit ungeheuerlichen Tricks endgültig durchgezogen.
Ein Jahr später:
2005     löst   Guenther Oettinger   Erwin Teufel    ab und wird im
Frühjahr 2006 als Ministerpräsident bestätigt.  Sofort kommt der Flughafen aus seiner Deckung und fordert erneut eine zweite Startbahn und jetzt auch eine Westerweiterung und Oettinger als oberster Dienstherr lässt ihn diesmal frei gewähren.
Interessant ist ein Zitat von Flughafenchef Georg Fundel aus der Stgt Zeitg vom 6.5.06: „Die Westerweiterung ohne zweite Startbahn wäre nicht logisch“.
(Da fragt man unwillkürlich: Warum sind wir dann heute überhaupt noch da?)

Im Frühjahr 2007:   beteuert Fundel in einem Gespräch mit der Schutzgemeinschaft , dass er niemals beabsichtige, früher als 6 Uhr zu fliegen.         Nur ein halbes Jahr später
Herbst 2007:  Ein Gutachten (Machbarkeitsstudie?) des Flughafens sagt, man braucht     eine zweite Startbahn    und    eine Westerweiterung für ca. 30 Stellplätze    und     es soll bereits um 5 Uhr geflogen werden.
Im selben Gutachten (S.92)steht, dass die bestehende Startbahn in der Zeit zwischen 6 und 8.30 Uhr morgens mit Starts (alle wollen raus) voll ausgelastet ist und eine zweite Startbahn  diesen Engpass nicht beseitigen kann.  Warum?
Dies liegt daran, dass durch die engen Verhältnisse auf den Fildern die 2.Startbahn nicht so weit weg von der ersten gebaut werden kann, dass man beide Bahnen unabhängig befliegen kann.
Man kann sie nur simultan befliegen, d.h. eine Bahn wird ausschließlich für Starts verwendet, die andere ausschließlich für Landungen.
Morgens zwischen 6 und 7 Uhr finden fast ausschließlich Starts statt, alle auf der bestehenden Bahn und daran würde auch eine zweite Bahn nichts ändern.
Es können morgens einfach nicht mehr fliegen (sprich starten), also fordert der Gutachter (Zitat): „wir müssen den Flughafen auch zwischen 5 und 6 Uhr nutzen, wenn die Nachfrage steigt, auch dann wenn nicht ausgebaut wird“(S.96)
Und auf S.100 steht dann wie diese neuen Flugmengen für die Stunde 5 bis 6 Uhr erzeugt werden können: „Dazu sind bis zu 30 neue Abstellpositionen nötig. Diese sind nur im Zuge der …geplanten Westerweiterung…zu realisieren.“

2008 schließlich zwang unser einzigartiger Widerstand MP Oettinger zu der Kursänderung:   In absehbarer Zeit wird es keine zweite SL-Bahn geben und kein Fliegen vor 6 Uhr. Er spricht sich allerdings für eine Westerweiterung aus.  Das ist aber ein Widerspruch in sich.  Ja versteht er die Zusammenhänge wirklich nicht  oder ist nur saumäßig raffiniert?

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Heute
2009 Die Flugzahlen befinden sich im Sinkflug (Tourismusflüge, Billigflieger, Winterdrehkreuz, Luftfracht, alles sackt ab, die Postmaschinen fallen ganz weg,…),  aber auch das Klima verändert sich unübersehbar und trotzdem verfolgt Fundel weiterhin seine Pläne für eine Westerweiterung.   Warum?
Zitat Flughafensprecher Volkmar Krämer von vor 3 Wochen, (FZ:19.9.09):
„Der Airport hat deutlich zu wenig Plätze für Nachtstopper, also Flugzeuge, die über Nacht in Stuttgart stehen und morgens weiterfliegen.“
Ja, wie denn das?      Wollen die uns veräppeln?
Die ersten ein, zwei Stunden morgens sind bereits jetzt mit Starts vollständig ausgefüllt!

Also:
Wer Ja zur Westerweiterung sagt, ebnet die Bahn für einen Start um5 Uhr!
Und genau dies wollen die Herren, sagen es aber nicht laut

Die Öffentlichkeit wird wieder einmal getäuscht und zur weiteren Verschleierung argumentiert der Flughafen in Tateinheit mit dem Innenministerium seit einem halben Jahr plötzlich vollständig anders:
Man brauche die Westerweiterung nicht mehr für 30 Stellplätze (wie es noch in der eigenen Studie gefordert wird) sondern, nur noch für 10 zusätzliche Maschinen, der Flächenbedarf bleibt aber eigenartigerweise gleich.  Jetzt wurden nämlich größere Flugzeuge zugrunde gelegt, und die brauchen mehr Platz, man könne dann ja besser rangieren. Die Sicherheit würde erhöht.
Auch dies ist eine gezielte Fehlinformation. Die heute eingesetzten Flugzeuge sind nicht größer als in Boomzeiten.
Aber selbst diese 10 Stellplätze für „Nachtstopper“ sind unsinnig
Zwischen 6 und 7 Uhr sind nicht einmal 10 Starts mehr zu schaffen.
Hier auf den Fildern ist man an seine natürlichen Grenzen gestoßen.
Der Flughafen hat seinen Flächenbedarf und sein Lärmkontingent längst ausgereizt, ja überreizt.

Was tun?
Die Fläche für die Westerweiterung ist zwar im Regionalplan ausgewiesen, dies ist aber keine Baugenehmigung. Für den Bau ist zwingend ein öffentliches Planfeststellungsverfahren vorgeschrieben, in dem die Notwendigkeit eines Ausbaus begründet werden muss und in dem gegen alle anderen Interessen – etwa Landverbrauch, Klimaschädigung, Umweltbelange, Bedarf, Lärm, mehr Nachtflüge, usw. abgewogen werden muss. Dort können Bürger, Gemeinden, Organisationen,… eingreifen und wenn nötig auch klagen.
Beim Gewerbegebiet sind vor allem die Gemeinde- und Stadträte in L.-E. und in Stuttgart gefragt. Und die sollten daran denken, dass wir sie gewählt haben.

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Wer eine Westerweiterung will, wer hier ein großes Gewerbegebiet will, soll ehrlich sagen: Der Klimaschutz ist nicht mein Ding, der morgendliche Schlaf Hunderttausender  ist mir egal, die ortsnahe Versorgung mit Lebensmitteln ist mir nicht so wichtig, die einzigartige Filderebene gebe ich preis.

Schlussbemerkungen
Die oberste Schicht unserer Erdkruste, nur wenige Zentimeter Humus, ernährt viele Milliarden Menschen  - längst nicht alle.  Nicht zuletzt wegen des Klimawandels, wegen Erosion, Versalzung  und Übernutzung, haben sich in den letzten 20 Jahren die weltweit verfügbaren Ackerflächen pro Kopf halbiert und dieser Trend hält an. (Anzahl Menschen wächst  >< Ackerfläche nimmt ab)
Die ersten Kriege um Wasser und Ackerland finden bereits statt.

Und wir hier auf den Fildern, wir haben eine  meterdicke über Jahrzehntausende entstandene, fruchtbare, unersetzliche Humusschicht.

Ja sind wir denn von allen guten Geistern verlassen. Ohne Not soll diese Lebensgrundlage ruiniert werden, auf alle Zeiten, um ganz vielleicht kurzfristig etwas Geld zu machen.  Neue Belastungen werden zwingend folgen, - der Klimawandel schreitet voran, das Fliegen wird teurer, wir müssen Infrastrukturmaßnahmen nachschieben, Straßen bauen, Lärmwälle,..usw.       Wieder braucht man Geld. ..   und so fort…
Die gierigen Macher nennen sich „global player“, ja sie sind wirklich Spieler, sie wollen Wachstum um jeden Preis, sie spielen ohne Not mit unserer Zukunft.
Ja glauben diese Player, diese Spieler, dass es zukunftsträchtig ist, wenn man davon abhängig ist, lebensnotwendige Nahrung aus fernen Ländern auf alle Zeiten einzufliegen?“

Lasst uns lieber bescheiden sein als größenwahnsinnig, intelligente Lösungen suchen als alles niederzuwalzen, lieber Geld sparen als Geld ausgeben, das man nicht hat und   im Zweifel auch mal etwas sein lassen,   …im Zweifel? Ja,
wir haben allen Grund an der Sinnhaftigkeit dieser Projekte hier zu zweifeln.

Wir fordern mehr Respekt vor der Natur,  mehr Respekt vor den Schätzen, die wir Menschen hier auf diesem Planeten ohne eigenes Zutun vorgefunden haben.
Lassen wir davon noch etwas für unsere Kinder übrig.

Dieses Denkmal stand einst auf freiem Feld. Dort wo heute die Messe steht. Dort wurden Massen an lebendigem Filderboden brutal weggeschoben und durch eine tote Asphaltdecke ersetzt.
Dieses Denkmal musste den Bulldozern und staatlicher Gewalt weichen.
Mit Ihrer Hilfe werden wir verhindern, dass sich dies hier wiederholt.

Von: Steffen Siegel

 

47 Jahre und kein bisschen leiser!