Samstag, 19. April 08

15.000 demonstrierten gegen die Flughafenausbaupläne

Es war kaum zu glauben. In vier Zügen strebten am Samstag insgesamt 15.000 Demonstranten den beiden Höfen auf Scharnhäuser Gemarkung zu. Der Bernhäuser Zug zählte rund 4000, der Neuhäuser bis zu  3000, der Scharnhäuser Zug ca. 5000 und aus Plieningen stießen gut 2000 zur großen Kundgebung. Viele hatten sich unterwegs angeschlossen oder waren direkt zu den Höfen marschiert. Auch aus allen Gemeinden, die Beschlüsse gegen die geplanten Startbahnen gefasst hatten, waren (Ober)bürgermeister/innen und ihre Vertreter gekommen. Dieser Erfolg ist den vielen Menschen zu verdanken, die den Aufrufen des Kommunalen Arbeitskreises und der Schutzgemeinschaft Filder gefolgt sind. Der Dank gebührt aber natürlich auch  den vielen fleißigen Helfern und den Organisatoren und Koordinatoren dieser Großveranstaltung. Ein ganz herzliches Dankeschön an alle, die mitgeholfen haben, dass am vergangenen Samstag ein friedliches und gleichzeitiges mächtiges Zeichen gegen die geplanten Startbahnen gesetzt wurde! Als erste Reaktion auf unseren Sternmarsch kann Ministerpräsident Oettingers Aussage gewertet werden, dass der Ausbau „eine letzte Option“ sei – bisher war er nur „ergebnisoffen“. Aber natürlich reicht uns das noch nicht. Wir brauchen ein definitives Nein zu den Ausbauplänen (siehe Meldung oben). Deshalb behalten Sie ihren langen Atem! Im Anschluss noch der ausführliche Bericht von Bernd Kehrer für die Amtsblätter des Kommunalen Arbeitskreises:

Über 15.000 Menschen strömten am Samstag in Form eines Sternmarsches zu den Aussiedlerhöfen Briem und Bayha in Scharnhausen und nahmen an der Großkundgebung gegen den Bau einer zweiten Start- und Landebahn und gegen eine Verkürzung des Nachtflugverbots teil. Es war die größte Demonstration, die der Filderraum je erlebt hat. Die unerwartet hohe Beteiligung war ein überdeutliches Signal an die politisch Verantwortlichen in Stuttgart, von denen ein eindeutiges Nein zu den Ausbauplänen der Flughafen-Geschäftsführung gefordert wurde.

Es war schon beeindruckend, was sich zwischen den Äckern und Feldern im Scharnhäuser Gewann Hagenbrunnen nördlich der Autobahn am Samstagnachmittag abspielte. Von allen Seiten Menschenschlangen auf den Feldwegen – junge Familien mit Kindern an der Hand, auf den Schultern oder im Kinderwagen, Senioren in Wanderkluft, aber auch im Rollstuhl und mit Gehwagen. Protesttransparente in den Demonstrationszügen und auf Traktoren am Wegesrand. Die vorherrschende Farbe der Züge war gelb, denn viele trugen die gelbe Flagge der Schutzgemeinschaft Filder. Außerdem wurden die Ortstafeln aller 43 Gemeinden mitgetragen, die sich dem kommunalen Bündnis gegen eine zweite Start- und Landebahn angeschlossen haben.

Zur guten Stimmung trugen auch Verpflegungsstände am Rande des Kundgebungsplatzes und Musik bei. Ein buntes und friedliches Bild. Die Verärgerung über die Flughafenpläne und die Entschlossenheit der Demonstranten zeigte sich jedoch in ihren Reaktionen auf die Redebeiträge. Nicht nur die unentschiedene Haltung von Ministerpräsident Oettinger wurde mehrfach mit anhaltenden, gellenden Pfeifkonzerten quittiert. Ebenso wurde negativ kommentiert, dass es der CDU als einziger im Landtag vertretenen Partei nicht gelungen war, einen Grußredner zu der Veranstaltung zu entsenden. Alle CDU-Landtagsabgeordneten hatten sich mit wichtigeren anderen Terminen entschuldigt.

Gabi Visintin von der Schutzgemeinschaft Filder berichtete allerdings, dass sich die CDU-Landtagsabgeordneten des Filderraums gegen eine zweite Start- und Landebahn ausgesprochen hätten und sie hoffe, „dass diese Abgeordneten in ihrer Fraktion auch für diese Überzeugung werben und eine Mehrheit gegen die Flughafenpläne erreichen können“.

Kräftiges Signal nach Stuttgart
Selbstverständlich sprachen sich alle Redner dieser Protestkundgebung gegen den Bau einer zweiten Start- und Landebahn und die Verkürzung des Nachtflugverbots aus. Dennoch wurde es nicht langweilig, denn jeder fand neue Argumente und Formulierungen gegen die menschenverachtende Planung aus der Flughafen-Geschäftsführung. Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay begrüßte die Kundgebungsteilnehmer und freute sich über das „überwältigende Bild dieser Großdemonstration“, das ein kräftiges Signal nach Stuttgart aussende. Die Ausbaupläne müssten von der Landesregierung ohne Wenn und Aber abgelehnt werden, denn „Politik und Wirtschaft müssen für die Menschen da sein und nicht umgekehrt“, rief er unter dem Applaus der 15.000 aus.

Landesregierung auf dem Prüfstand
Als betriebswirtschaftlich zweifelhaft und landschaftlich zerstörerisch bezeichnete Landrat Heinz Eininger die Planungen des Flughafens. Der Blick auf die Landkarte zeige, dass „kein Platz mehr für eine zweite Start- und Landebahn, weder im Süden noch im Norden“ da sei. Es könne politisch nur eine Entscheidung geben: „Nein zu dieser zweiten Bahn“. Die Frage des Flughafenausbaus sah er als eine Bewährungsprobe für die Landesregierung, deren Glaubwürdigkeit hier auf dem Prüfstand stehe.

Protest weitet sich aus
„Ich sehe hier keine Politikverdrossenheit, sondern spüre die Rückendeckung und die Unterstützung in unserem Kampf gegen eine zweite Stadtbahn“, sagte Bürgermeister Ingo Hacker (Neuhausen), der Vorsitzende des Kommunalen Arbeitskreises Filder. „Wir sind auf dem richtigen Weg, rief er den Kundgebungsteilnehmern zu und erinnerte daran, dass vor einem halben Jahr erst 3.000 Menschen zusammengekommen waren und jetzt schon 15.000. Nicht nur die unmittelbaren Nachbarn des Flughafens protestierten gegen die Fehlplanung, sondern die ganze Region von der Ostalb bis zum Schwarzwald.

Gesamtkonzept notwendig
Ein Gesamtkonzept für den Flugverkehr im Land forderte der SPD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Drexler. Insgesamt neun Flughäfen gäbe es im Land Baden-Württemberg und „mir kann keiner erzählen, dass alles über Stuttgart muss“. Frankreich mache vor, dass Distanzen unter 500 Kilometer grundsätzlich nicht mit dem Flugzeug bedient werden müssen. Er forderte die „gleiche Besteuerung aller Verkehrsträger“ und hielt ein weiteres Gutachten der Landesregierung für unnötig: „Jetzt ist eine Entscheidung gefragt für die Zukunft der Menschen, der Landschaft und des Klimas in der Region“. Er kündigte an, dass die SPD-Fraktion im Landtag einstimmig gegen eine zweite Start- und Landebahn und gegen die Verkürzung des Nachtflugverbots stimmen werde.

Umweltschädliche Planung
In der Privatwirtschaft sei es heute völlig selbstverständlich, dass die Betriebsziele ökologisch ausgerichtet würden, berichtete Winfried Kretschmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag. Umso ärgerlicher sei es, wenn ein Staatsbetrieb wie der Flughafen eine derart umweltschädliche Planung vorlege. Die Verkehrspolitik werde aber im Landtag und von der Landesregierung bestimmt, nicht von der Geschäftsführung eines Flughafens, forderte er. Viel Beifall erhielt er für seine Schlussaussage: „Wir brauchen bessere Startbahnen für unsere Kinder in den Schulen und keine zweite Startbahn auf dem Flughafen“!

Auf den Fildern geht’s nicht mehr
Wer eine neue Lärmquelle wie eine zweite Startbahn plane, der könne sich sämtliche Lärmminderungspläne „an den Hut stecken“, betonte Dr. Ulrich Noll, der Fraktionsvorsitzende der FDP im Landtag und damit Chef einer Regierungsfraktion. „Wer ein bisschen Herz hat, muss erkennen, dass hier auf den Fildern nichts mehr zusätzlich geht“, rief er aus. Ausdrücklich betonte er, dass er als Mittelständler spreche und der Flughafenausbau nicht im Interesse des Mittelstands sein könne, da er ihm nur Schaden bringe.

Landwirte in Nöten
Es könne gar nicht sein, dass ein Flughafenausbau notwendig sei, solange der Flughafen noch 40 Prozent Reservekapazitäten habe, unterstrich Siegfried Nägele, der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Esslingen. Er kritisierte, dass auf den Fildern „die vermutlich besten Böden in ganz Deutschland“ weiter zugebaut werden sollten. Die Landwirtschaftsbetriebe der Filder hätten in den letzten zehn Jahren 50 Millionen Euro in ihre Betriebe investiert. Diese Investitionen wären größtenteils umsonst gewesen, wenn nun eine zweite Startbahn komme, kritisierte er.

Fundel zündelt
Ohne jeden Respekt vor Natur und Mensch habe die Flughafen-Geschäftsführung diese Planung vorgelegt, kritisierte Steffen Siegel, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder. Und er berichtete, was Geschäftsführer Fundel im Januar gesagt hatte: „In 20 Jahren haben sich die Leute an die zweite Startbahn gewöhnt und wir können eine dritte vorbereiten“. Laute Pfiffe und Protestrufe gab es auf diese Aussage und gegen die Haltung von Ministerpräsident Oettinger. „Fundel zündelt und Oettinger nimmt ihm die Streichhölzer nicht weg, sondern will ergebnisoffen prüfen lassen, ob die Streichhölzer brennen“.

Kabinett auf die Filder
Lang anhaltenden Beifall erhielt Siegel, als er den Ministerpräsidenten einlud, mit dem ganzen Kabinett auf die Filder zu kommen, die Planung vor Ort zu besichtigen „und den Menschen in die Augen zu schauen“. Siegel bedankte sich bei allen, die zum Gelingen dieser Großkundgebung beigeträgen hätten. „Diese Vielfalt macht uns stark“, freute er sich. Vermutlich brauche die Protestbewegung gegen den Flughafenausbau noch einen langen Atem. Ein mächtiges erstes Zeichen in Richtung Stuttgart sei jedoch mit dieser Großkundgebung gesetzt worden.                                                                  

Von: Gabi Visintin

 

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